Montag, 26. September 2011

Essay über das Essen

Nun werde ich wegen einer so banalen Sache wie dem leiblichen Wohl zur Feder (man verzeihe die anachronistische Metapher) greifen. Denn es gibt  tatsächlich einige Unterschiede zwischen den Essgewohnheiten hier und den heimatlichen Gepflogenheiten. Direkt werde ich mit einigen Vorurteilen aufräumen. Nein, man isst hier nicht nur Kohl, wie man mich angstbebend vor meiner Abreise warnte; nein, es wird zum Essen nicht Wodka gereicht, was einige ungenannte Freunde fälschlicherweise annahmen und mich ob dessen zu erhöhtem Alkoholkonsum anhalten wollten.

Was allerdings stimmt ist dass man sich von viel von Deutschland Selbstverständlichkeiten lösen muss. Die Dumpingpreise, die dem Deutschen stetigen Zugang zu Fleisch und damit zu hohem Cholesterinspiegel, Gicht und anderen Entlastungen der Rentenkassen gewähren, gibt es hier nicht. Fleisch ist teuer. Deswegen isst man wenig davon.

Was weiterhin stimmt ist, das man zu jeder Tag- und Nachtzeit, bei jeder Gelegenheit und überall Tee trinkt. Zum Frühstück, zum Mittagessen, zum Abendbrot, beim Mitternachtsimbiss, vor, nach und während Feierlichkeiten, beim Fernsehschauen und beim Begräbnis von Babuschka Valentinowna.

Kommen wir nun aber zu den tatsächlichen Kuriositäten, die einem Mitteleuropäer das befriedigende Gefühl vermitteln an der Spitze kulinarischen Zivilisationsfortschrittes zu stehen: ( wenn man den Bayer ausklammert, der im betrunkenen Zustand schlafend im Spanferkel versinkt oder den Hanseaten, der mit der Erfindung des Labskauses für die Abfallentsorgung eine delikate Lösung fand oder auch den Schweden zu dessen Delikatessen verfaulter Hering gehören) So habe ich mich durchaus gewundert als mir meine Vermieterin das erste mal Halva vorsetzte. Das ist Sonnenblumenkernmus mit Honig, sieht aber aus wie Erde oder Ähnliches, sodass ich mich wunderte, ob sie mit mir entweder die geologischen Bedingungen des Umlandes oder die medizinischen Bedingungen ihrer Verdauung diskutieren wollte. Nach Überwindung einiger Berührungsängste habe ich mich sehr mit jener Leckerei angefreundet.

Was ebenfalls kurios, aber wohlschmeckend ist, sind Kürbisschnitzel! Man nehme einen ebensolchen, schneide ihn in Scheiben und samt Panade brate diesen. Sehr lecker. Weiterhin gibt es eine Spezialität, zu berüchtigt dass sie einen Namen hat: Sahne, Butter und Zucker gehen zusammen eine unheilvolle Allianz ein. Als ich davon gekostet habe unterrichtete mich meine Vermieterin über diesen Umstand. Nachdem ich aus meiner Ohnmacht erwachte, schwor ich mir von nun an von solchem Zeug fern zu bleiben.

Nach diesem kurzen Ausflug in die Gastronomie darf ich den an Solchem uninteressierten Leser um Verzeihung und um Verständnis bitten. ich melde mich in Bälde wieder!

Dienstag, 20. September 2011

Apfelgarten

Charkiw ist hässlich. Sehr hässlich. So hässlich, dass man durchaus einiges an Anstrengung und/oder Sehfehlern benötigt um hübsche Ecken zu finden. Bürgersteige sind selten, den Stadtvätern scheint zwischen zwei Wodka dieser Zustand aufgefallen sein und von der nahenden EM in Alarmbereitschaft versetzt, säumen nun Schrottberge, Sandhügel und Löcher die Straßen. Nie war das promenieren auf den Trottoirs interessanter und nervenaufreibender. Das heißt allerdings nicht, dass sich die Straßen in einem besseren Zustand befinden! Oh nein. Was bei uns einen wütenden Mob Automobilisten vor das nächste Straßenverkehrsamt ziehen ließe, gilt hier als Straße in perfektem Zustand. Die Regel sind eher Schlaglöcher(denen man mit dem Namen Schlagcanyons oder Schlagschluchten eher gerecht werden würde) die ob der fehlenden Kanalisation voller Wasser sind. Gemeinsam mit dem Habitus ukrainischer Personenkraftwagen, keine Sicherheitsgurte zu besitzen, machen diese Charakteristika das Autofahren zu einer unvergesslichen Erfahrung.

Charkiw ist eine sowjetische Stadt. Sehr sowjetisch. Wahrscheinlich sowjetischer als Moskau und Petersburg zusammen, hatte man doch das Glück beim Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg von wenig verbliebener bourgeoiser Bausubstanz gestört zu werden. Dies mag dem Dauerbombardement durch die Wehrmacht geschuldet sein, bei dem mehr Munition verschossen wurde als im ganzen ersten Weltkrieg, aber ich bin mir noch nicht ganz sicher. Aber der entstandene Platz wurde sofort mit Denkmälern, protzigen Verwaltungsgebäuden im Stil des sozialistischen Realismus und Plattenbauwohnungen aufgefüllt. Natürlich darf auch die riesige Leninstatue nicht fehlen, die den großen Platz souverän überblickt.

Nun zu meiner Tätigkeit, denn ich hämmere ja nicht nur lustvoll Glossen über den Ostblock in die Tasten, weil ich ein arroganter kapitalismusverwöhnter Wohlstandsbengel bin, sondern ich volontoriere hier. Heute beispielsweise habe ich in einem Garten einer Babuschka gearbeitet -Der geneigte Leser wird sich denken, dass nun der Bogen zum Titel geschlagen wird- und dort Äpfel geerntet. Es macht unglaublich Spaß durch einen Garten, der so undurchdringlich ist wie der Regenwald es einmal gewesen sein muss ( bevor der Brasilianer auf den Trichter gekommen ist, dass der Europäer Klobrillen aus Mahagoni kauft) und aus dem ich mit Eimer und Kisten Äpfel um Äpfel heraushole, eine sehr meditative Tätigkeit.

Hier sehen wir das Haus in dem ich wohne. Suchbild: Wer findet mich, aus dem Fenster winkend?


Ich werde mich bald wieder melden. Auf wiedersehen, Bis bald, Ich vermisse wohl die meisten der geneigten Leser

Freitag, 16. September 2011

Prägendes

Schon jetzt habe ich viel erlebt, viel, was ich in Deutschland nie erleben würde, Eindrücke, Begegnungen, Alles. Um kurz zu rekapitulieren: Ich bin vorgestern gekommen, heute schon ist sehr viel Neues geschehen, viel zu viel um es in meiner gewohnt weitschweifenden Weise auszuführen. Ich werde Schlaglichter auswählen.



Der Zustand der Straßen, Busse, Trams, Metros, Autos und Häuser. Riesige Seen stauen sich in Schlaglöchern und laufen wegen der fehlenden Kanalisation nicht ab.
-
Die wundervoll herzliche Art der Menschen, meine Kolleginnen Tanja, Natascha und Jula und meine Vermieterin Viktoria Alexeijewna, die mich sofort als Enkel adoptierte, was sehr rührend wäre, wenn sie nicht -resolut wie eine KGB-Agentin- mich morgens kämmt wenn ich Selbiges verabsäumt habe.
-
Meine 94-jährige Russischlehrerin, die in Deutschland die Jahre Zwangsarbeit geleistet und nach Ravensbrück gekommen ist und die sich dennoch in die deutsche Sprache verliebt hat und als Deutschlehrerin gearbeitet hat – Darüber hinaus spricht sie Englisch, Russisch, Ukrainisch, Jugoslawisch und Kroatisch. Wie ich heute erfuhr lebte sie mit ihrem Mann 4 Jahre lang in Kuwait. Man darf getrost zu der umfangreichen Liste auch noch Arabisch gesellen. Da fällt es nicht ins Gewicht, dass sich manchmal Sprachen mischen.
-
Eine nette alte Frau, die sich unglaublich über den „Njemjezki Maltschik“(deutschen Jungen) freute und an deren Unterarm ich -als man den Blutdruck maß- eine eintätowierte Nummer bemerkte. Man warf mir bisher nie mein Deutschsein vor. Ich hoffe das bleibt.
-

Ich melde mich bald wieder! Eins noch: Meine Sprachkenntnisse wachsen wie der hellenische Schuldenberg. Ich hätte nicht gedacht so flott sprechen zu können. Bis bald! Morgen werde ich ein wenig visuell tätig werden und meine Stadt photographieren. Schreibt mir!

Donnerstag, 15. September 2011

Die Reise


Warten – Das ist eine leidige Beschäftigung. Warten auf etwas das man ersehnt ist unbefriedigend, etwas erwarten das man nicht einordnen kann ist unschön. Unsere Gruppe löste sich langsam immer mehr auf, nachdem wir die drei Weißrussen am Nachmittag verabschiedet hatten, neigte sich auch unsere Zeit in Deutschland dem Ende zu. Das Abenteuer Schlafwagen Berlin-Kiew begann.

Man darf einige elementare Unterschiede zwischen Bahnfahrten in Deutschland und in der Ukraine feststellen: Zum einen ist eine Strecke meistens lang. Sehr lang. Die Standardantwort von der Entfernung zweier ukrainischer Destinationen ist meist: Eine Nacht! So äußert sich der erste Unterschied. Wenn man in der Ukraine Bahn fährt, nutzt man den Schlafwagen. Ein für Deutsche eher ungewohntes Verkehrsmittel, müsste man doch nach den Tarifen der Deutschen Bahn ungefähr den Gegenwert mehrerer Nobelklassewagen gegen ein Billet eintauschen, das einen berechtigt im Zug zu nächtigen. Man wird hier äußerst zuvorkommend mit Tee versorgt, der einem vom Waggonschaffner aufs Abteil gebracht wird und der für etwa 0,3€ erworben werden kann (auch hier ließen sich Vergleiche zur Deutschen Bahn ziehen, wo man nach Kauf einer Tasse Tee eher das Gefühl hat, man erwarb ein Aktienpaket einer Teeplantage in Sri Lanka)

Und auch weitere Unterschiede drängen sich auf: Während der Schaffner in Deutschland nur auftaucht um die Fahrkarten zu kontrollieren und ansonsten (im Falle des Bedarfs) völlig unauffindbar und eher Gegenstand von Legenden ist, gibt es in ukrainischen Zügen zwei Schaffner pro Waggon. Zwei. Pro Waggon. Nicht einer im ICE. Reminiszenzen an sozialistische Personalwirtschaft drängen sich auf, aber ich würde auf Börsenorientierung und Ökonomie verzichten, wenn ich dafür einen Schaffner in Reichweite wüsste, wenn ich einen nötig hätte.

Aber es gibt auch Nachteile. Man teilt sich zu dritt ein Abteil, das – nicht nur gefühlt!- 2 m² umfasst und in dem sich 3 Stockbetten übereinander befinden, deren untere zwei man tagsüber in eine Sitzbank transformiert. Der Platz ( oder eher das Fehlen desselben) lassen mich Batteriehühner ob deren großzügiger und luxuriöser Domizile beneiden. Man schläft allerdings sehr gut darin, obwohl der Zustand der Schienen eher gewöhnungsbedürftig ist. So schaukeln wir durch die Nacht, und sind bald in Kiew.

Auf einem Bahnhof machten wir kurz Pause und betraten eine andere Welt. Sofort wurden wir von älteren Babushkis bestürmt, die uns wortreich die Erzeugnisse ihres Gartens verkaufen wollten. Ich hätte nicht gedacht, dass einem sofort diese Armut bewusst wird.

In Kiew, dem goldnen, dem Schönen, dem uralten - hatte ich eine Stunde Aufenthalt, denn weiter ging es mit dem Nachtzug nach Charkow. Die Fahrt war interessant und ich hätte nie gedacht, dass ich in einem Vehikel das einen Geräuschpegel wie ein sowjetischer T34-Panzer hat so gut nächtigen könnte, aber es geht. In Charkow wurde ich von meinen Kollegen Natascha und Jura empfangen und zu meiner Wirtin gebracht – Viktoria Alexejewna und, man darf es mir glauben, sie teilt mit der literarischen Frau Windscheid alles bis auf die Nationalität. Ich muss meinen Borschtsch essen, der sehr „vkusna“ ist, wie sie mir versichert und was ich auch bestätigen kann, meinen Tee habe ich mit Zucker zu trinken, als ich ihr meinen Habitus nahebrachte, dass ich sonst meinen Tee ungesüßt zu verzehren pflegte, war sie äußerst entgeistert, als hätte ich gesagt dass Wiktor Janukowytsch in Wahrheit ein Rauhaardackel sei. Mein Zimmer ist sehr hübsch, allerdings überwiegend innenarchitektonisch mit kleinen Kätzchen verziert, was ich nur begrenzt als schön erachte. Meine Wohnung liegt im 3. Stock, Dscherednischenkowskij Pjereulok (man muss etwas üben um solch eine Adresse lässig einem Taxifahrer zu nennen) im Ljeninskij Rajon, nicht wirklich im Zentrum, aber auch nicht außerhalb. So wohne ich die nächsten 365 Tage und bin zufrieden, nachdem ich die Kätzchen von meinen Wänden entfernt habe.

14.09.11




Samstag, 10. September 2011

Aufbruch

"Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde" (H.Hesse)

Abschiede sind eine garstige Angelegenheit. Man lässt Schönes und Liebgewonnenes zurück und wendet sich Neuem zu. Dieses Neue ist voller Möglichkeiten, aufgebläht mit Ängsten, Erwartungen und den üblichen Neurosen, die ein Mensch etwas Unbekanntem aufzuladen pflegt. 

Abschiede machen traurig und im schlimmsten Fall rührselig und sentimental - Qualitäten, die ich mir eigentlich erst im fortgeschrittenen Spätherbst des Lebens zugetraut hätte, wenn ich meine Sorgen in Spirituosen zu ertränken gedächte, die zumindest im Namen genau so uralt wären wie ich. 

Die negativen Eigenschaften von Abschieden sind gemeinhin bekannt, von Autoren beschrieben, Sängern besungen und Dichtern bedichtet, deswegen will ich schweigen und auf die werten Kollegen jener Couleur verweisen, während ich mich Anderem widme: Dem Positiven der Abschiede.

Ich will nichts von den Erfrischungen eines Neuanfanges, der Freude über neue Erfahrungen und Ähnlichem schreiben, das wäre ein zu weites Feld, sondern eher von den positiven Folgen für mein Verhältnis zu dem, was ich zurücklasse. Niemals sonst wird einem so deutlich und in solch wunderbarer Klarheit gezeigt, dass man geschätzt wird und vermisst werden wird. Das hat mir geholfen und wird mich schon jetzt vorfreudig an ein Wiedersehen denken lassen.

Genug der pseudophilosophischen Ausführungen! In Medias Res, auch wenn noch nicht viel geschah.

Am 1. September brach ich zum Aussendeseminar auf, von welchem aus sich 130 Freiwillige in 13 Länder aufmachen werden. Dieses fand in Brandenburg, in dem Städtchen Hirschluch statt. Je weniger man über diese Enklave sagt, desto besser.  Reichen sollen die Fakten, dass dort nur eine Kandidatin ( sozusagen als letztes Aufgebot, von der SPD, CDU und den Freien Wählern gemeinsam aufgestellt) gegen die NPD bei der Kommunalwahl antritt, dass jene Partei durch nächtliche Patroullienfahrten die Polizei entlastet und die Stadt sauber hält (nicht ausgehen soll man hier von Müllsammelaktionen) und dass es dort derart viele Mücken gibt dass es spätestens 2 Tage dauert, bis man völlig zerstochen, blutleer und demnach qualifiziert zur Mitwirkung in Vampirepen nymphomaner Mormoninnen ist.

Die Freiwilligen von ASF sind ein wundervoller Menschenschlag, etwas verrückt, aber sehr sympathisch. Leider zu 90% evangelisch, aber man kann ja nicht alles haben. Was noch auffällt ist, dass diese Menschen wirklich fast dem Ideal eines mündigen Bürgers entsprechen, man kennt sich aus, man diskutiert, man geht aufeinander ein und man entfernt NPD-Plakate.

Was noch (besonders nach einem Vortrag der LGBT-Gruppe abQueer) herausstach ist, dass es eine große Prozentzahl an homo- oder bisexuellen Freiwilligen gibt, insgesamt gewiss 20%, eine sehr lustige Sache. Der Zusammenhalt in der Gruppe ist sehr gut, man befindet sich zwar in einer seltsamen Situation (man hat gerade einen Lebensabschnitt hinter sich gelassen und sieht dem nächsten entgegnen) aber dennoch geht man schnell aufeinander zu und freut sich über neue Kontakte.

Nach einer wundervollen Abschiedsfeier reisten alle aus - Bis auf mich und die anderen Freiwilligen für die Länder Ukraine, Russland und Belarus, bei welchen sich noch Orientierungstage anschließen. Es gibt nichts spaßigeres als sich mit mehr Gepäck als man je hätte träumen können vom Flecke bewegen zu können in den Berliner Öffentlichen Personennahverkehr zu stürzen. 

Aber jetzt bin ich hier, so grade noch. Ich melde mich bald aus Charkov mit interessanteren Eindrücken