Freitag, 24. Februar 2012

Winter, Winter, Winter, Winter

Wenn ich jetzt aus dem Fenster blicke scheint die Welt wächsern zu sein. Alles verläuft in Schlieren, Schneemassen von mehreren Monaten kapitulieren vor dem Thermometer, das wieder positive Temperaturen anzeigt, das erste Mal seit sechs Wochen.

Der Winter war wie ein ungeliebter Verwandter beim Familientreffen: Zunächst kommt er viel zu spät und bringt dadurch den ganzen Haushalt in große Kalamitäten: Das Essen muss warmgehalten werden und die arme Hausherrin läuft händeringend zwischen Küche und Gästezimmer umher, dort um zu rühren und da um zu beruhigen und "vielleicht ein paar Schnittchen, bis Onkel Friedemann kommt?". Wahrscheinlich ist der Oheim Eigentümer großer Besitztümer, auf die man hier ein Auge geworfen hat, weswegen sich jener solcherlei Unbotmäßigkeiten erlauben darf. Wenn man schon fast die Hoffnung aufgegeben hat tut die am Fenster wachende Tochter einen Schrei und Minuten später ist er da und tut so, als ob nichts gewesen sei, während er sich von seinen Neffen und Nichten Hut, Mantel und Regenschirm abnimmt. Sodann nimmt er seinem Status gemäß die ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, redet mehr und lauter als jeder Andere am Tisch und beherrscht die Szene, während alle anderen zu Komparsenrollen gezwungen werden. Aber damit nicht genug, denn nachdem sukzessive alle Gäste sich nach dem Essen, dem Kaffee verabschiedet haben, sitzt der Onkel immer noch an seinem Ehrenplatz, während die Zuhörenden fast eingeschlafen sind und öfters mit ausladenden Gesten zur Uhr schauen oder Bemerkungen über die späte Stunde machen, die ihn indes nicht beeindrucken. Dann endlich bricht er auf, der Familie entfährt ein Seufzer und man sinkt zubette.

bis Mitte Januar war von Winter hier nichts zu spüren, ein nasskalter Herbst schien es eher zu sein, bis auf einmal  der Frost einfiel wie die Mongolen: Innerhalb einiger Tage war es so beißend kalt, dass vor die Tür zu gehen ein Abenteuer zu werden begann. Alles wurde innert weniger Tage schockgefroren und die Welt war graublau. Spiegelglatte Straßen waren herausfordernd und mithin musste man den zu Boden gegangenen Opfern ausweichen, die ein Oberschenkelhalsbruch am Aufstehen hinderte.

Der ukrainische Staat reagierte souverän: Zunächst garnicht, es wurde abgewartet und Tee getrunken. Die slawische Weisheit, dass alle Probleme sich zuweilen selber lösen bewies auch hier wieder Lebenstauglichkeit. Die primär von der Kälte Gefährdeten, nämlich Obdachlose und Straßenhunde hörten bald auf gefährdet zu sein. Auch sonst sind sie kein Gegenstand öffentlichen Interesses, man kann hier mit einem Infarkt auf der Straße liegen, helfen werden die meisten Ukrainer nicht, höchstens Schultern zucken, "womöglich betrunken!" und weiter. Dieses völlige Fehlen von Zivilcourage macht einem hier doch schwer zu schaffen. Erst als in den westlichen Medien die Opferzahlen ruchbar wurden, reagierte man. Es wurden Armeezelte mit Öfen und heißem Tee in den Städten placiert, wo man sich aufwärmen könne. Diese werden dann öffentlichkeitswirksam fotografiert, mit Politikern davor und das wars. Trotzdem sind die meisten, die diese Einrichtungen gebraucht hätten nun nicht mehr. Man hätte früher reagieren können, denn Winter wird es auch nicht erst seit diesem Jahr.

Nun genug mit J'accuse! Der Winter also war schneidend, widerlich kalt, Atmen wurde schwer, das Gesicht brannte und selbst angekleidet wie ein Kosmonaut kroch die Kälte überall hinein. Dann wurde es wärmer und es schneite. Es hat bis vor wenigen Tagen nicht aufgehört. Jeden Tag bin ich zu einer Babuschka gefahren um den Schnee wegzuräumen, es wurde Abend und es wurde Morgen: Der Schnee war wieder da und ich sah, dass es nicht gut war.

Ich hoffe nun, dass auch die letzte Phase dieses Winters vorübergeht, dass diese Wasser und Schneematschmassen sich langsam zurückziehen und ich endlich wieder grün schauen darf statt grauweißbraun in jeder Richtung in die ich blicke.