Sonntag, 29. April 2012

Besuch in einem Land, das es nicht gibt


Das Leben als Ausländer in der Ukraine (wie in jedem postsowjetischen Land) ist nicht das einfachste. Denn als Ausländer muss man sich nach dreimonatigem Aufenthalt registrieren lassen, sodass die Regierung weiß, wo man ist und warum. Nun ist aber damit auch der Amtsgang untrennbar verbunden, der in Deutschland schon durchaus nicht viel spaßiger als eine unanästhesierte Wurzelbehandlung, in der Ukraine aber faktisch ein Himmelfahrtskommando ist. Die Registrierungsgesetze ändern sich nämlich durchschnittlich alle drei Wochen und niemand weiß wirklich genau, wie das mit der Registrierung wirklich funktioniert. Ich bin sehr dankbar dass die deutsche Sprache hier das Adjektiv „kafkaesk“ kennt.
Nun aber in in medias res!

Ich dachte eigentlich, dass ich bis zu meiner Rückkehr nach Deutschland ohne Registrierung würde leben müssen und hatte mich mit dieser Situation schon arrangiert. Ich wechselte diskret beim Auftauchen von Polizisten und Milizionären die Straßenseite und habe mich so auch gut gehalten.

Vom 4. bis zum 6.April fand unser zweites Zwischenseminar in Odessa statt, einer wirklich wunderschönen Stadt am Schwarzen Meer, in der südwestlichen Ecke der Ukraine. Odessa wurde von Katharina der Großen als Planstadt und Puffer zwischen Russland und den Osmanen gegründet. Über 120 Nationalitäten siedelten und siedeln hier, Georgier, Griechen, Deutsche, Franzosen, Juden, Russen, Armenier. Wer zählt die Völker, nennt die Namen, die gastlich hier zusammenkamen?

Nun, wir, die Freiwilligen aus der Ukraine und Belarus kamen hier zusammen um gemeinsam zu seminarieren. Aber schon am ersten Abend schien das Seminar für mich zu Ende zu sein. Ein Beamter des Immigrationsbüros hatte offenbar beschlossen zu arbeiten, was niemand hätte voraussehen können. Nun benötigte man für meine Registrierung dringend meine Anwesenheit in Charkiw sowie einen Ausreisestempel. Mein Projektkoordinator entwarf den Plan einer sofortigen Rückreise sowie einer Grenzüberschreitung in die Russische Föderation, die von Charkiw in angenehmer Nähe liegt. Unangenehm ist allerdings die Visumspflicht, ein Beantragen innerhalb der Ukraine ist jenseits von unrealistisch.

Nun ist Odessa ja im äußersten Südwesten nächst Moldawien zu verorten und der Moldawier in seiner Kulanz hat seine Grenze visumsunbewehrt gelassen. Salomonisch einigten wir uns darauf, dass ich bis zum Ende am Seminar teilnähme und dann nach einem Kurzabstecher über die Grenze wieder zurück nach Charkiw führe, um mich dort endlich registrieren zu lassen.

Nach einem äußerst produktiven, bereichernden Seminar mit Erfahrungsaustausch stand ich auf dem Busbahnhof in Odessa und wollte zwecks Grenzüberschreitung einen Autobus besteigen. Man konnte mir allerdings nicht weiterhelfen, denn eine Grenze nach Moldawien und ein diese zu überquerender Bus existiere nicht, wie mir die Schalterdame in der den ukrainischen Schalterdamen eigenen taktvollen Grazie durch die Gegensprechanlage entgegenbrüllte.

Ein vertrauenswürdiger Schlepper sah meine Verzweiflung und bot mir eine Fahrt zur Grenze und dortige Unterstützung zwecks Verhandlungen mit Grenzbeamten für den günstigen Sonderpreis von 30 $ an. Ich handelte ihn auf 10 herunter und wurde zu einem Van geleitet, der seine besten Tage offenbar unter Breschnew erlebt hatte. Ein weiterer Passagier war ein illegal eingereister Aserbaidschaner, der ebenfalls Refugium in Moldawien suchte. Wir reichten uns als Brüder in der Illegalität herzlich die Hände. Als mir unser Fahrer verständlich machte, dass ich im Kofferraum würde die Fahrt verbringen müssen, ergriff ich dann doch lieber die Flucht.
Ich frug nochmals an den Kassen, diesmal bei einer anderen Dame und man konnte mir diesmal mysteriöserweise helfen, kurz darauf saß ich im Bus nach Moldawien. Die Fahrt verbrachte ich mit dem Ausfüllen der Immigrationskarte (in doppelter Ausführung; Ordnung muss sein!).

Wir erreichten den Grenzposten und hielten an. Mehrere Grenzoffiziere betraten den Bus und sammelten die Pässe ein. Ukrainische Pässe sind blau. Solche der Bundesrepublik bordeaux. Geübten Griffs zog der Offizier das auffällige Dokument aus dem Stapel und wandte sich fragend an den Busfahrer, der auf mich deutete. Ich machte noch den Versuch unter die Bänke abzutauchen, wurde aber trotzdem erkannt und herauszitiert.
In einem kleinen Grenzpostenkabinett machten wir ein Verhör, das nicht das Letzte bleiben sollte. Zunächst einmal sollte ich eine Strafe zahlen, denn ich war länger als drei Monate im Land (eine Ausreise hatte mir das Immigrationsbüro vorher verboten und dann befohlen, um die Registrierung endlich zu legalisieren, aber das wusste der Grenzoffizier nicht, wie auch, sind ukrainische Gesetze eher metaphysische Richtlinien als Regeln, immer im Fluss und mysteriös für jeden.) und sollte nun Strafe dafür bezahlen. Ich richtete einen Heißen Draht mit meiner Länderkoordinatorin Anzhela ein und wir einigten uns auf eine später zu entrichtende Strafgebühr sowie ein weiteres Verhör.

In einem anderen Grenzbüro und mit anderem Grenzbeamten machte ich nun ein weiteres Verhör, in welchem man mir mitteilte, dass ich zwar aus- aber nicht mehr einreisen könne, sollte ich die Ukraine verlassen. Nach einer langen Diskussion (und einem weiteren Heißen Draht) konnte man mir weiterhelfen: Ich sollte jetzt zu Fuß die Grenzbrücke überschreiten, im Ausland eine Viertelstunde promenieren und darob zurückkehren. Ich hub also an und überquerte die Grenzbrücke, worauf mir Böses schwante: Nicht die Moldawische Flagge flatterte dort im Wind. Nicht die moldawischen Grenzbeamten standen dort schwer bewaffnet mit dem Air von Sowjetsoldaten. Eine Tafel klärte auf: „Willkommen in der Moldawischen Republik von Transnistrien“ - Ich war blauäugig in das schwarze Loch von Europa, in ein „Stabilisiertes De-Facto-Regime“ und eine stalinistische Diktatur spaziert, anerkannt von niemandem doch beschützt von dort seit der UdSSR stationierten Truppen zieht sich Transnistrien 200 Km lang und 5 Km breit durch Bessarabien, rechtliches Niemandsland zwischen Moldawien und der Ukraine, in welchem westliche Touristen gut und gerne 500 € loswerden können, sollten sie es durchqueren und an korrupte Polizisten/Soldaten/Milizionäre geraten (was -höflich ausgedrückt- nicht ganz unwahrscheinlich ist) die Formulare und Straßenbenutzungserlaubnis verlangen und wenn man solcherlei nicht besitzt, Strafe einfordern.

Ich geriet allerdings an einen netten Grenzbeamten, der sich (trotz bedrohlicher Sowjetuniform) als äußerst kulant und interessiert herausstellte, denn ich besaß keine Devisen. Nach einer halben Stunde jovialen Verhöres entließ man mich zur Rückreise. Nochmal über die Grenzbrücke, dann stand ich vor dem Einreiseposten. Der Beamte wollte mich nicht einlassen. Ich erklärte die Sachlage, er schüttelte den Kopf. Ich beschwor ihn seinen Vorgesetzten zu kontaktieren, er winkte ab. Da knackte sein Funkgerät und der eben benannte Vorgesetzte stellte einen Deutschen in Aussicht, der einzulassen sei. Der überzeugte Beamte gab mir den ersehnten Einreisestempel und winkte mich durch. Dann fuhr ich mit dem Bus zurück nach Odessa. Ich hatte 6 Stunden an der Grenze verbracht. Aber man wächst ja an seinen Erfahrungen.

Freitag, 24. Februar 2012

Winter, Winter, Winter, Winter

Wenn ich jetzt aus dem Fenster blicke scheint die Welt wächsern zu sein. Alles verläuft in Schlieren, Schneemassen von mehreren Monaten kapitulieren vor dem Thermometer, das wieder positive Temperaturen anzeigt, das erste Mal seit sechs Wochen.

Der Winter war wie ein ungeliebter Verwandter beim Familientreffen: Zunächst kommt er viel zu spät und bringt dadurch den ganzen Haushalt in große Kalamitäten: Das Essen muss warmgehalten werden und die arme Hausherrin läuft händeringend zwischen Küche und Gästezimmer umher, dort um zu rühren und da um zu beruhigen und "vielleicht ein paar Schnittchen, bis Onkel Friedemann kommt?". Wahrscheinlich ist der Oheim Eigentümer großer Besitztümer, auf die man hier ein Auge geworfen hat, weswegen sich jener solcherlei Unbotmäßigkeiten erlauben darf. Wenn man schon fast die Hoffnung aufgegeben hat tut die am Fenster wachende Tochter einen Schrei und Minuten später ist er da und tut so, als ob nichts gewesen sei, während er sich von seinen Neffen und Nichten Hut, Mantel und Regenschirm abnimmt. Sodann nimmt er seinem Status gemäß die ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, redet mehr und lauter als jeder Andere am Tisch und beherrscht die Szene, während alle anderen zu Komparsenrollen gezwungen werden. Aber damit nicht genug, denn nachdem sukzessive alle Gäste sich nach dem Essen, dem Kaffee verabschiedet haben, sitzt der Onkel immer noch an seinem Ehrenplatz, während die Zuhörenden fast eingeschlafen sind und öfters mit ausladenden Gesten zur Uhr schauen oder Bemerkungen über die späte Stunde machen, die ihn indes nicht beeindrucken. Dann endlich bricht er auf, der Familie entfährt ein Seufzer und man sinkt zubette.

bis Mitte Januar war von Winter hier nichts zu spüren, ein nasskalter Herbst schien es eher zu sein, bis auf einmal  der Frost einfiel wie die Mongolen: Innerhalb einiger Tage war es so beißend kalt, dass vor die Tür zu gehen ein Abenteuer zu werden begann. Alles wurde innert weniger Tage schockgefroren und die Welt war graublau. Spiegelglatte Straßen waren herausfordernd und mithin musste man den zu Boden gegangenen Opfern ausweichen, die ein Oberschenkelhalsbruch am Aufstehen hinderte.

Der ukrainische Staat reagierte souverän: Zunächst garnicht, es wurde abgewartet und Tee getrunken. Die slawische Weisheit, dass alle Probleme sich zuweilen selber lösen bewies auch hier wieder Lebenstauglichkeit. Die primär von der Kälte Gefährdeten, nämlich Obdachlose und Straßenhunde hörten bald auf gefährdet zu sein. Auch sonst sind sie kein Gegenstand öffentlichen Interesses, man kann hier mit einem Infarkt auf der Straße liegen, helfen werden die meisten Ukrainer nicht, höchstens Schultern zucken, "womöglich betrunken!" und weiter. Dieses völlige Fehlen von Zivilcourage macht einem hier doch schwer zu schaffen. Erst als in den westlichen Medien die Opferzahlen ruchbar wurden, reagierte man. Es wurden Armeezelte mit Öfen und heißem Tee in den Städten placiert, wo man sich aufwärmen könne. Diese werden dann öffentlichkeitswirksam fotografiert, mit Politikern davor und das wars. Trotzdem sind die meisten, die diese Einrichtungen gebraucht hätten nun nicht mehr. Man hätte früher reagieren können, denn Winter wird es auch nicht erst seit diesem Jahr.

Nun genug mit J'accuse! Der Winter also war schneidend, widerlich kalt, Atmen wurde schwer, das Gesicht brannte und selbst angekleidet wie ein Kosmonaut kroch die Kälte überall hinein. Dann wurde es wärmer und es schneite. Es hat bis vor wenigen Tagen nicht aufgehört. Jeden Tag bin ich zu einer Babuschka gefahren um den Schnee wegzuräumen, es wurde Abend und es wurde Morgen: Der Schnee war wieder da und ich sah, dass es nicht gut war.

Ich hoffe nun, dass auch die letzte Phase dieses Winters vorübergeht, dass diese Wasser und Schneematschmassen sich langsam zurückziehen und ich endlich wieder grün schauen darf statt grauweißbraun in jeder Richtung in die ich blicke.


Dienstag, 17. Januar 2012

Pomp and circumstances in blaugelb

Wessen wir souverän entwachsen sind, ist dem Ukrainer noch höchst zu eigen: Patriotismus in unschuldiger (und die Metapher weiter strapazierend) präpubertärer Form. Als Nation nicht älter als 22, hat der Nationalstolz in der Ukraine eine ganz eigene Bedeutung und Dimension: Um sich abzugrenzen und sich zu behaupten, um eigen zu sein, um sich zu unterscheiden vom ehemaligen großen Bruder im Osten: Russland erhebt Anspruch auf große Teile der ukrainischen Kultur. Von der Kiewer Rus, das von Nowgorod bis nach Kiew reichte, leiten sowohl die Russen als auch die Ukrainer ihre Nationen ab: Und die großen Helden wie Jaroslaw der Große und Wladimir der Heilige werden sowohl von Moskau als auch von Kiew in der jeweiligen Historiographie vereinnamt. Aus Moskaus Sicht ist Kiew gar die "Mutter der russischen Städte"...

Das alles muss man verstehen, bevor man den ukrainischen Nationalismus verurteilt, zumal von der Warte Deutschlands aus.

Und nun zum Grund meines Schreibens, zur großen Silvesterfeier auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew.

Nachdem ich wundervolle 2 Wochen zuhause im Kreise der Familie verbracht hatte, bestieg ich am 29.12 den Flug Köln-Kiew mit dem Behufe das neue Jahr dorten einzuleuten. Der Flughafen Kiew Zhulany ist nicht der größte Aeroport auf der Erde: Ganze zwei Gates hat er und ist im ganzen etwa so groß wie ein Provinzbahnhof, an dem selbst die S-Bahn nicht hält.

Das neue Jahr begrüßten wir auf dem Majdan, dem Unabhängigkeitsplatz, gemeinsam mit etwa 100.000 anderen. Ein etwa 30 Meter hoher "Weihnachtsbaum" (vornehmlich bestehend aus Lichterketten, Lichtanlagen, Scheinwerfen, und Flaklichtern und überdies gar keinen Tannenbaum, sondern ein Stahlgerüst beinhaltend) und eine blaugelb illuminierte Bühne (unzweifelhaft auch von der ISS noch zu beobachten) waren Landmarken. Allgemein kann man sagen, dass der ganze Platz, alle umgebenden Gebäude und eigentlich alles, was in Lichterketten gehüllt werden kann, auch eingehüllt wurde.

Auf der Bühne wurde gesungen, getanzt, geredet. Es traten auf:

Namhafte ukrainische Populärmusikgruppen

Folkloristische Tanzensembles

Diverse Maskottchen (2012 ist das Jahr des Drachen! Dass das chinesische Neue Jahr erst im Frühling anbricht, ficht den Ukrainer nicht an)

Der Kiewer Bürgermeister, der im ukrainischen Nationaltrikot und mit Fußball in der Hand eine bewegende Rede hielt, hauptsächlicher Inhalt: Слава Украiна! Es lebe die Ukraine.

Obligatorisch wurde später auf Leinwänden und der Bühne heruntergezählt und das neue Jahr mit großem Feuerwerk sowie (wer hätts geahnt?) mit der Nationalhymne begrüßt.

In der Menge flossen Schampanskoje und Krimsekt in Strömen und 2012 begann.

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Wer hat Angst vor Lukaschenko? Anachronistische Reise in Europas letzte Diktatur.

Belarus ist anders. Anders, sehr anders. Dieses leicht bedrohliche Gefühl, diese kalte Brise spürt man schon auf Weißrusslands exterritorialen Flecken, in der Botschaft in Kiew, wo ich zwecks Erwerb eines Visums vorsprechen musste. Anders als die Sicherheitsvorkehrungen Israels oder der USA, die trotz allem eher wie Pomp and Circumstances wirken, ist der Panzer mit dem sich Weißrussland umgibt eher wie das arendtsche eiserne Band des Totalitarismus. Alles scheint unwirklich und auf eine Weise uneuropäisch. Bewachen lassen sich die Diplomaten von ukrainischen Milizionären und nur eine Anmeldung öffnet die schweren Stahltore. Das Betreiben von Mobiltelefonen ist ebenso untersagt wie Gespräche. Hinter Milchglaswänden sind Lukaschenkos Bürokraten, kommunizieren lässt sich nur über Gegensprechanlage. Später konnte ich dann, ausgewählt und betraut mit der Abholung der belorussischen Sichtvermerke, noch einmal alleine die Gestade betreten, noch unwirklicher und bedrohlicher als in der Gruppe, denn Belarussland ist offensichtlich kein beliebtes Ziel und Visa demnach ungefragt.

Abends der Nachtzug Kiew-Minsk. Selbst die Schaffnerinnen sehen anders aus. Die Repräsentation ist für jedwede autoritäre Regierung wichtig, deswegen unterläuft das Zugpersonal vielfältigen ästhetischen Selektion, was in der Ukraine durchaus nicht so ist. Zunächst wurde uns die Fahrt durch das Ausfüllen der Migrationskarten versüßt, die von ebengenannten slawischen Schönheiten verteilt wurden: In zweifacher Ausfertigung gaben wir jede mögliche Information über Größe, Sinn und Dauer der Reise, Pass- und Visumsnummer sowie Blutgruppe, allgemeinen Geundheitszustand sowie unsere persönliche Meinung darüber, warum Aleksandr Lukaschenko der bestmöglichste Präsident ist, an. Der Komfort, mit dem wir auf Belarus' Trassen dahinglitten, ließ einen sanften Schlaf folgen, der unsanft unterbrochen wurde, als um 2:24 Ortszeit belarussische Grenzer mit dem Behufe den Zug und die Passagiere zu kontrollieren, das Abteil betraten. Deren Existenzberechtigung waren größtenteils grimmige Gesichtsausdrücke und das unbedingte Wahrnehmen von Hoheitsrechten. Außerdem nahmen sie sie eine Hälfte der Migrationskarte an sich, die aus diesem Grunde über eine Perforation verfügt. Bei der Abreise wird die andere Hälfte abgegeben, damit alles seine Ordnung hat.

Minsk ist anders als die meisten ukrainischen Städte. Bis zum äußersten aufpoliert, unglaublich sauber, unglaublich modern und beeindruckend verwestlicht ist Weißrusslands Kapitale eher Schein als Sein: Alles scheint wunderbar, unter der Oberfläche ist es das weniger. Die Inflation ist infernal. Der Kurs beträgt 1:11000 und er steigt noch weiter. Deswegen kostet ein Metroticket hier 1300 Rubel und die Freiwilligen erhalten 1.6 Mio. Rubel Taschengeld. Absurd, wie so vieles in diesem so absurden Land.

Der Grund meiner Reise war ein Seminar, das erste der zwei Zwischenseminare meines FSJ, das in einem Gästehaus der orthodoxen Kirche in der Vorstadt Minsks stattfand. Besonders erfreut war ich natürlich darüber alle Freiwilligen unserer Gruppe wiederzusehen, die aus allen Himmelsrichtungen eintrafen: Lemberg, Dnepropetrowsk, Tschernowitz, Kiew und von der Krim. Das Abenteuer GUS schmiedet zusammen, unsere Gruppe ist in meinen Augen die, welche an meisten an sich hängt.

Seminarthemen waren unter anderem die Arbeit in den Projekten und die Erfahrungen der ersten drei Monate. Es war besonders interessant sich mit den anderen Freiwilligen auszutauschen. Abendliches Programm waren Theaterimprovisationen sowie exzessives Werwolfspielen. Außerdem verfügte das Gästehaus über eine Sauna, die natürlich ebenso besucht wurde.

Wir verbrachten auch einen Tag im Dialog mit weißrussischen Jugendlichen bei einem Seminar in der belarussisch-deutschen Geschichtswerkstadt. Wir unterhielten uns über Erinnerungskultur. Es wird klar, wie engagiert und auch oppositionell eingestellt die Jugend hier ist, wenn auch resigniert durch die absolut fehlende Möglichkeit zu legalem Engagement.

Nächste Woche werde ich wieder nach Deutschland, auf Urlaub sozusagen, um Weihnachten zuhause verbringen zu können. Ich hoffe es geht allen gut und ich wünsche an dieser Stelle schon besinnliche Feiertage, sowie weitere Floskeln, die ich mich schäme zu verwenden,

Marian

Samstag, 19. November 2011

Zeter, Mordio, Gewalt und Krieg - Kurz, der Straßenverkehr in der Ukraine.

Man möge den reißerischen Titel entschuldigen, aber manchmal wundere ich mich doch wenn ich nach einem kleinen Spaziergang nachhause komme, dass ich noch an einem Stücke bin. Verkehrszeichen scheinen hier eher aus kosmetischen Zwecken zu stehen. Zebrastreifen sind auch vorhanden, aber wer denkt, dass der Autofahrer sein Gefährt drosselt, der irrt. Rote Ampeln scheinen eher formlose Anregungen zu sein, wenn man sich kurz umschaut und keinen Milizionär sieht, geht es weiter. Der Ukrainer hat seine Zeit auch nicht gestohlen.

Woran ich mich noch sehr gewöhnen muss sind die Marschrutkas. Das sind Linientaxis, die regelmäßig auf Linien verkehren. Ein für europäische Begriffe sehr ungewöhnliches Verkehrsmittel, bestehen sie doch aus Kastenwagen mit Stuhlreihen darin. Gefahren werden sie von risikoliebenden Straßenrowdies , die in einem früheren Leben sicher Karriere als Barbareskenkorsaren und/oder Opponenten Ben Hurs im Wagenrennen gemacht hätten. Ein großer Spaß ist diese wilde Fahrt, die einen das Leben wieder schätzen lässt.

Heute hat meine Vermieterin die Einkäufe für den Winter erledigt. Normalerweise tendiere ich ja zu auktorialer Übertreibung, jetzt will ich als nüchterner Beobachter die Waren, die da von mir in die Wohnung getragen wurden, aufzählen.

50 Kg Zucker
2 Säcke à 20 Kg Kartoffeln
2 Kisten Zwiebeln

Die Welt mag untergehen, wir sind sicher und gut versorgt, wenn der Winter härter als erwartet wird.

Montag, 7. November 2011

Allmählich...

Allmählich komme ich an, allmählich bin ich hier. Ich wundere mich nicht mehr über den ruppigen Tonfall der Leute, der ein wenig an agressiv-schnoddriges Berlinerisch, ist aber hier normal und nicht böse gemeint. Zunächst war ich ein wenig irritiert, aber dann assimilierte ich mich. Man möge mir, wenn ich wieder heimkehre
mein slawisches Verständnis von Höflichkeit nachsehen. Ich habe meinen Rythmus hier gefunden. Der Takt einer Millionenstadt in der Ukraine ist ein anderer als der einer Kleinstadt in Deutschland. Wo ich früher mit dem Fahrrad hinfuhr, bringt mich heute die Metro hin. Fahrradfahren ist hier allerdings auch ein Extremsport, vergleichbar mit Apnoetauchen, Freistilringen mit Bären oder barbrüstiges Fechten.


Eine kleine Bemerkung zum Tarifsystem der Charkower Metro: Während man für eine Fahrt nach Köln mit der KVB 3,50€ zu entrichten hat, kostet eine fahrt beliebiger Länge hier 2 UAH, i. e. 0,20€. man kann also zum Preis einer Fahrt  in Deutschland 17½ mal mit der Metro durch Charkiv brausen. dazu kommt noch, dass man mit der KVB zunächst einmal Tarifbuch, Streckenplan, Bibel, Encyclopaedia Britannica und das BGB zurate ziehen muss um seinen Tarif mithilfe von Dreisatz, Kurvendiskussion und Astrologie bestimmen zu können. Das Leben hier hat also auch klare Vorteile.


Dank eines Wochenplans habe ich jetzt eine klar durchstrukturierte Woche. Vormittags helfe ich entweder älteren Familien zu Hause oder arbeite im Sanatorium und Nachmittags habe ich Russischunterricht. Woran ich mich jetzt gewöhnt habe - was mich anfangs ein wenig belastet hat - ist, dass tatsächlich alle der älteren Menschen entweder Zwangsarbeiter oder KZ-Häftlinge gewesen sind. 


Wie reagieren sie auf mich? Akzeptieren sie mich als Nachkommen der Täter? Nehmen sie meine Hilfe an?


ja, sie tun es. Sie freuen sich über meine Hilfe, freuen sich über die Gelegenheit ihre Brocken Deutsch anwenden zu können und akzeptieren mich voll und ganz.

Dienstag, 18. Oktober 2011

Weißer Oktober

Viele Grüße aus dem kalten Charkiv. Lieber Leser, vor dem Weiterlesen bitte ich folgende Vorkehrungen zu treffen: Man nehme sich -Da die meisten Leser zur menschlichen Rasse und noch einige zum Bildungsbürgertum gehören, setze ich es einfach mal voraus- aus seinem Plattenschrank die vier Jahreszeiten des Vivaldi und lege den letzten Teil auf. Für Bequeme ein Link:

http://www.youtube.com/watch?v=nGdFHJXciAQ

(Oma, wenn du das liest und nicht verstehst, lass es dir von Tante Antje erklären, die freut sich immer in informationstechnologischen Fragen weiterzuhelfen)


Es wird Winter, zumindest für meine Begriffe. Ich habe das Gefühl das Wetter nat einfach nonchalant den eigentlich in diese Periode gehörigen Herbst links liegen lassen und mit der nächsten Jahreszeit weitergemacht. Heute hat es das erste mal geschneit. Mir blieb nicht viel Zeit mich dessen zu freuen, denn im laufe dieses Tages brach ein dermaßener Wolkenbruch los, der nicht nur den verhaltenen weißen Pelz hinwegfegte und in schlammiges Grau verunedelte, sondern der auch die sowieso nur in Legenden vorhandene Kanalisation völlig überforderte. Charkiv ähnelt nun einer südeuropäischen Stadt mit V, deren Name mir partout nicht mehr einfallen möchte. Jedenfalls erwarte ich jeden Tag, dass Gondoliere mit slawischem Akzent auf den Kanälen ihre Runden zu ziehen beginnen. Ein reger Fährverkehr entwickelt sich an Verkehrsampeln und Fischmärkte schießen aus dem Boden. Man hört Seemänner Shanties singen und Möwen ziehen über endlose Wasserflächen, aus denen manchmal kleine Kirchturmdächer oder Strommasten ragen, die willkommene Rast für die Seevögel bieten.

Anmerkung: Künstlerische Freiheit und gesunde Übertreibung sind Erklärung für Obiges und Selbige hält hoffentlich von der Alarmierung des Technischen Hilfswerkes, des Malteser Hilfsdienstes und des Botschafters in Kiew ab, so schlimm ist es auch nicht. Trotzdem bin ich froh das Freischwimmerabzeichen zu besitzen, man kann nie wissen!

Es ist kalt hier, aber langsam komme ich an. Meine Sprache wird immer besser, ich bin schon zu philosophischen oder politischen Diskussionen fähig, was sehr schön ist, bestanden meine Konversationen doch vorher vor allem daraus in lauter Stimme nach dem Weg zum Bahnhof zu fragen (meistens wollte ich den Weg überhaupt nicht wissen, aber was soll man machen). Man darf glauben, dass dieses Thema recht schnell aufgebraucht war.

Nun aber weiter im Text. Mein Projekt macht mir Spaß, ich fühle mich gebraucht. Ich habe das Gefühl zu helfen und komme in Berührung mit gelebter Geschichte, das ist alles so faszinierend! Ich habe jetzt auch eigene Babuschki, zu denen ich regelmäßig gehe. Das ist schön, man mehr Gelegenheit zum Gespräch.

Ich bin jetzt Mitglied einer Theatergruppe! Ich spiele einen Botschafter. Meine Rolle ist gewiss nicht umfangreich, einen Monolog mephistopheleischer Ausprägung oder wenigstens wie bei Hamlet sucht man vergebens. Ich habe 3 Wörter zu sagen (in Worten: drei) und übe fleißig, dass ich sie nicht vergesse.

Ich habe außerdem einen Chor gefunden! Ich muss gestehen, es gibt einen kleinen Unterschied zwischen dem Studentenchor der Nationalen Musikhochschule und dem Kirchenchor Servatius, aber ich denke es wird. Es ist äußerst fordernd und die Chorliteratur (kontemporär und auf ukrainisch) ist äußerst spannend (verstehen kann ich nichts, aber man kann nicht alles haben)

Ich verabschiede mich und melde mich in Bälde mit neuen Neuigkeiten zurück.