Samstag, 10. September 2011

Aufbruch

"Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde" (H.Hesse)

Abschiede sind eine garstige Angelegenheit. Man lässt Schönes und Liebgewonnenes zurück und wendet sich Neuem zu. Dieses Neue ist voller Möglichkeiten, aufgebläht mit Ängsten, Erwartungen und den üblichen Neurosen, die ein Mensch etwas Unbekanntem aufzuladen pflegt. 

Abschiede machen traurig und im schlimmsten Fall rührselig und sentimental - Qualitäten, die ich mir eigentlich erst im fortgeschrittenen Spätherbst des Lebens zugetraut hätte, wenn ich meine Sorgen in Spirituosen zu ertränken gedächte, die zumindest im Namen genau so uralt wären wie ich. 

Die negativen Eigenschaften von Abschieden sind gemeinhin bekannt, von Autoren beschrieben, Sängern besungen und Dichtern bedichtet, deswegen will ich schweigen und auf die werten Kollegen jener Couleur verweisen, während ich mich Anderem widme: Dem Positiven der Abschiede.

Ich will nichts von den Erfrischungen eines Neuanfanges, der Freude über neue Erfahrungen und Ähnlichem schreiben, das wäre ein zu weites Feld, sondern eher von den positiven Folgen für mein Verhältnis zu dem, was ich zurücklasse. Niemals sonst wird einem so deutlich und in solch wunderbarer Klarheit gezeigt, dass man geschätzt wird und vermisst werden wird. Das hat mir geholfen und wird mich schon jetzt vorfreudig an ein Wiedersehen denken lassen.

Genug der pseudophilosophischen Ausführungen! In Medias Res, auch wenn noch nicht viel geschah.

Am 1. September brach ich zum Aussendeseminar auf, von welchem aus sich 130 Freiwillige in 13 Länder aufmachen werden. Dieses fand in Brandenburg, in dem Städtchen Hirschluch statt. Je weniger man über diese Enklave sagt, desto besser.  Reichen sollen die Fakten, dass dort nur eine Kandidatin ( sozusagen als letztes Aufgebot, von der SPD, CDU und den Freien Wählern gemeinsam aufgestellt) gegen die NPD bei der Kommunalwahl antritt, dass jene Partei durch nächtliche Patroullienfahrten die Polizei entlastet und die Stadt sauber hält (nicht ausgehen soll man hier von Müllsammelaktionen) und dass es dort derart viele Mücken gibt dass es spätestens 2 Tage dauert, bis man völlig zerstochen, blutleer und demnach qualifiziert zur Mitwirkung in Vampirepen nymphomaner Mormoninnen ist.

Die Freiwilligen von ASF sind ein wundervoller Menschenschlag, etwas verrückt, aber sehr sympathisch. Leider zu 90% evangelisch, aber man kann ja nicht alles haben. Was noch auffällt ist, dass diese Menschen wirklich fast dem Ideal eines mündigen Bürgers entsprechen, man kennt sich aus, man diskutiert, man geht aufeinander ein und man entfernt NPD-Plakate.

Was noch (besonders nach einem Vortrag der LGBT-Gruppe abQueer) herausstach ist, dass es eine große Prozentzahl an homo- oder bisexuellen Freiwilligen gibt, insgesamt gewiss 20%, eine sehr lustige Sache. Der Zusammenhalt in der Gruppe ist sehr gut, man befindet sich zwar in einer seltsamen Situation (man hat gerade einen Lebensabschnitt hinter sich gelassen und sieht dem nächsten entgegnen) aber dennoch geht man schnell aufeinander zu und freut sich über neue Kontakte.

Nach einer wundervollen Abschiedsfeier reisten alle aus - Bis auf mich und die anderen Freiwilligen für die Länder Ukraine, Russland und Belarus, bei welchen sich noch Orientierungstage anschließen. Es gibt nichts spaßigeres als sich mit mehr Gepäck als man je hätte träumen können vom Flecke bewegen zu können in den Berliner Öffentlichen Personennahverkehr zu stürzen. 

Aber jetzt bin ich hier, so grade noch. Ich melde mich bald aus Charkov mit interessanteren Eindrücken