Montag, 7. November 2011

Allmählich...

Allmählich komme ich an, allmählich bin ich hier. Ich wundere mich nicht mehr über den ruppigen Tonfall der Leute, der ein wenig an agressiv-schnoddriges Berlinerisch, ist aber hier normal und nicht böse gemeint. Zunächst war ich ein wenig irritiert, aber dann assimilierte ich mich. Man möge mir, wenn ich wieder heimkehre
mein slawisches Verständnis von Höflichkeit nachsehen. Ich habe meinen Rythmus hier gefunden. Der Takt einer Millionenstadt in der Ukraine ist ein anderer als der einer Kleinstadt in Deutschland. Wo ich früher mit dem Fahrrad hinfuhr, bringt mich heute die Metro hin. Fahrradfahren ist hier allerdings auch ein Extremsport, vergleichbar mit Apnoetauchen, Freistilringen mit Bären oder barbrüstiges Fechten.


Eine kleine Bemerkung zum Tarifsystem der Charkower Metro: Während man für eine Fahrt nach Köln mit der KVB 3,50€ zu entrichten hat, kostet eine fahrt beliebiger Länge hier 2 UAH, i. e. 0,20€. man kann also zum Preis einer Fahrt  in Deutschland 17½ mal mit der Metro durch Charkiv brausen. dazu kommt noch, dass man mit der KVB zunächst einmal Tarifbuch, Streckenplan, Bibel, Encyclopaedia Britannica und das BGB zurate ziehen muss um seinen Tarif mithilfe von Dreisatz, Kurvendiskussion und Astrologie bestimmen zu können. Das Leben hier hat also auch klare Vorteile.


Dank eines Wochenplans habe ich jetzt eine klar durchstrukturierte Woche. Vormittags helfe ich entweder älteren Familien zu Hause oder arbeite im Sanatorium und Nachmittags habe ich Russischunterricht. Woran ich mich jetzt gewöhnt habe - was mich anfangs ein wenig belastet hat - ist, dass tatsächlich alle der älteren Menschen entweder Zwangsarbeiter oder KZ-Häftlinge gewesen sind. 


Wie reagieren sie auf mich? Akzeptieren sie mich als Nachkommen der Täter? Nehmen sie meine Hilfe an?


ja, sie tun es. Sie freuen sich über meine Hilfe, freuen sich über die Gelegenheit ihre Brocken Deutsch anwenden zu können und akzeptieren mich voll und ganz.