Viele Grüße aus dem kalten Charkiv. Lieber Leser, vor dem Weiterlesen bitte ich folgende Vorkehrungen zu treffen: Man nehme sich -Da die meisten Leser zur menschlichen Rasse und noch einige zum Bildungsbürgertum gehören, setze ich es einfach mal voraus- aus seinem Plattenschrank die vier Jahreszeiten des Vivaldi und lege den letzten Teil auf. Für Bequeme ein Link:
http://www.youtube.com/watch?v=nGdFHJXciAQ
(Oma, wenn du das liest und nicht verstehst, lass es dir von Tante Antje erklären, die freut sich immer in informationstechnologischen Fragen weiterzuhelfen)
Es wird Winter, zumindest für meine Begriffe. Ich habe das Gefühl das Wetter nat einfach nonchalant den eigentlich in diese Periode gehörigen Herbst links liegen lassen und mit der nächsten Jahreszeit weitergemacht. Heute hat es das erste mal geschneit. Mir blieb nicht viel Zeit mich dessen zu freuen, denn im laufe dieses Tages brach ein dermaßener Wolkenbruch los, der nicht nur den verhaltenen weißen Pelz hinwegfegte und in schlammiges Grau verunedelte, sondern der auch die sowieso nur in Legenden vorhandene Kanalisation völlig überforderte. Charkiv ähnelt nun einer südeuropäischen Stadt mit V, deren Name mir partout nicht mehr einfallen möchte. Jedenfalls erwarte ich jeden Tag, dass Gondoliere mit slawischem Akzent auf den Kanälen ihre Runden zu ziehen beginnen. Ein reger Fährverkehr entwickelt sich an Verkehrsampeln und Fischmärkte schießen aus dem Boden. Man hört Seemänner Shanties singen und Möwen ziehen über endlose Wasserflächen, aus denen manchmal kleine Kirchturmdächer oder Strommasten ragen, die willkommene Rast für die Seevögel bieten.
Anmerkung: Künstlerische Freiheit und gesunde Übertreibung sind Erklärung für Obiges und Selbige hält hoffentlich von der Alarmierung des Technischen Hilfswerkes, des Malteser Hilfsdienstes und des Botschafters in Kiew ab, so schlimm ist es auch nicht. Trotzdem bin ich froh das Freischwimmerabzeichen zu besitzen, man kann nie wissen!
Es ist kalt hier, aber langsam komme ich an. Meine Sprache wird immer besser, ich bin schon zu philosophischen oder politischen Diskussionen fähig, was sehr schön ist, bestanden meine Konversationen doch vorher vor allem daraus in lauter Stimme nach dem Weg zum Bahnhof zu fragen (meistens wollte ich den Weg überhaupt nicht wissen, aber was soll man machen). Man darf glauben, dass dieses Thema recht schnell aufgebraucht war.
Nun aber weiter im Text. Mein Projekt macht mir Spaß, ich fühle mich gebraucht. Ich habe das Gefühl zu helfen und komme in Berührung mit gelebter Geschichte, das ist alles so faszinierend! Ich habe jetzt auch eigene Babuschki, zu denen ich regelmäßig gehe. Das ist schön, man mehr Gelegenheit zum Gespräch.
Ich bin jetzt Mitglied einer Theatergruppe! Ich spiele einen Botschafter. Meine Rolle ist gewiss nicht umfangreich, einen Monolog mephistopheleischer Ausprägung oder wenigstens wie bei Hamlet sucht man vergebens. Ich habe 3 Wörter zu sagen (in Worten: drei) und übe fleißig, dass ich sie nicht vergesse.
Ich habe außerdem einen Chor gefunden! Ich muss gestehen, es gibt einen kleinen Unterschied zwischen dem Studentenchor der Nationalen Musikhochschule und dem Kirchenchor Servatius, aber ich denke es wird. Es ist äußerst fordernd und die Chorliteratur (kontemporär und auf ukrainisch) ist äußerst spannend (verstehen kann ich nichts, aber man kann nicht alles haben)
Ich verabschiede mich und melde mich in Bälde mit neuen Neuigkeiten zurück.
Dienstag, 18. Oktober 2011
Dienstag, 4. Oktober 2011
Ein unterhaltsamer Abend (armenesk)
Beziehungen sind eine gute Sache. Man gelangt damit in den Genuss vieler Privilegien, das weiß jeder Christ- und Liberaldemokrat. Auch ich kam jüngst über Beziehungen in den Genuss eines besonderen Privilegs: Des armenischen Abends. Zu Aufklärung, Charkiv verfügt über eine große armenische Gemeinschaft und am armenischen Nationalfeiertag findet traditionell eine musikalisch-tänzerische Veranstaltung in der Oper statt, zu der mich der Leiter des deutschen Kulturvereins ein, der seinerseits vom Vorsitzenden der Kurden in Charkiv Freikarten erhalten hatte. Ich hoffe der Leser kann mir insoweit folgen, sieht hier indes auch ein Beispiel für Praktiken, die man -in unsympathischerer Form- so fast überall beobachten kann (Mafia, Frauenhandel, CSU).
Zu diesem Anlass war Volk und Prominenz vorhanden und schwarze Limousinen blockierten den Bürgersteig. Die Insassen, umschwärmt von einer Horde Sicherheitsleute strebten auf die Oper Charkivs zu- Warlords, Oligarchen, Mafiosi und Politiker, zumeist jedoch eine Mischung davon.
Zu diesem Anlass war Volk und Prominenz vorhanden und schwarze Limousinen blockierten den Bürgersteig. Die Insassen, umschwärmt von einer Horde Sicherheitsleute strebten auf die Oper Charkivs zu- Warlords, Oligarchen, Mafiosi und Politiker, zumeist jedoch eine Mischung davon.
Nun also durfte ich die monumentale Charkiver Oper besuchen um mir diesen Abend anzusehen. Es war ein Mordsspaß. Unvollständig bekleidete Tänzerinnen gaben Halsbrecherisches zum Besten und ein kleinwüchsiger Knabe sang dazu armenische Volkslieder. Die Musik der Fernsehserie "Dallas", die jetzt aus den Boxen plärrte, sollte wohl etwas Wichtiges ankündigen und Applaus begrüßte den Gouverneur der Charkiver Region und den Botschafter der Republik Armenien, beides dicke Männer mit wenig Hals und schlechtsitzenden Anzügen. Der offizielle Teil des Abends begann mit dem Verteilen von Medaillen und Auszeichnungen an andere dicke Männer mit wenig Hals. Was auch immer diese Männer geleistet haben, ein Marathonlauf war gewiss nicht dabei. Nach der langweiligen Selbstbeweihräucherung und dem gegenseitigen Verteilen von Flitter, Blech, Urkunden und weiteren Egomasturbationshilfen ging es mit dem Programm weiter. Alles in allem - ein unterhaltsamer Abend.
Edit:
Ich darf dem obigen noch etwas hinzufügen, welches nicht voluminös genug für einen eigenen Eintrag ist, ich aber dennoch wichtig finde. Mir haben sich außer meinem Hauptprojekt noch weitere Möglichkeiten eröffnet, wie ich hier tätig werden kann; Charkiv pflegt eine Städtepartnerschaft mit Nürnberg ( Ich beispielsweise hätte Schwierigkeiten diese beide Städte zu unterscheiden, beide nicht besonders hübsch, beide weit weg von zuhaus und in beiden wird eine Sprache gesprochen die ich nicht verstehe) und deswegen gibt es hier ein deutsch-ukrainisches Kulturzentrum, "Дом Нюрнберга" , das Nürnberger Haus. Dort hat mir der Kulturmanager uns (mir und den drei anderen deutschen Freiwilligen die hier in Charkiv sind und die ich per Zufall getroffen habe) in äußerst schnellem Russisch etwas angeboten, das "Projekt", "Design", "Kunst" und "Kultur" beinhaltete, sicher bin ich mir allerdings nicht, vielleicht wollte er uns auch vor einer Verschwörung durch Erdstrahlung/CIA/Erdmännchen warnen. Aber ich freue mich schon sehr. Darüber hinaus gibt es hier ein Ehrenamtlichenzentrum das, man darf mich beglückwünschen, über eine Theatergruppe verfügt! Sie ist zwar gewiss nicht freimutesk, aber man kann nicht alles haben. Ein deutsches Sprachlernzentrum und ein deutscher Konversationsclub haben sich auch schon gemeldet und nur dem unermüdlichen Einsatz meiner absolut genialen Russischlehrerin ist es geschuldet, das ich mich schon fast flüssig unterhalten kann.
Zum Schluss ein hübsches Gedicht meines Namensvetters Aleksandr Blok:
Und wenn ihr nett seit, gibt es auch bald die Übersetzung, denn meiner Russischlehrerin eigen ist die Methode, Märchen und Gedichte zu übersetzen. Übersetzen zu lassen. Adé, ich melde mich bald wieder!
Edit:
Ich darf dem obigen noch etwas hinzufügen, welches nicht voluminös genug für einen eigenen Eintrag ist, ich aber dennoch wichtig finde. Mir haben sich außer meinem Hauptprojekt noch weitere Möglichkeiten eröffnet, wie ich hier tätig werden kann; Charkiv pflegt eine Städtepartnerschaft mit Nürnberg ( Ich beispielsweise hätte Schwierigkeiten diese beide Städte zu unterscheiden, beide nicht besonders hübsch, beide weit weg von zuhaus und in beiden wird eine Sprache gesprochen die ich nicht verstehe) und deswegen gibt es hier ein deutsch-ukrainisches Kulturzentrum, "Дом Нюрнберга" , das Nürnberger Haus. Dort hat mir der Kulturmanager uns (mir und den drei anderen deutschen Freiwilligen die hier in Charkiv sind und die ich per Zufall getroffen habe) in äußerst schnellem Russisch etwas angeboten, das "Projekt", "Design", "Kunst" und "Kultur" beinhaltete, sicher bin ich mir allerdings nicht, vielleicht wollte er uns auch vor einer Verschwörung durch Erdstrahlung/CIA/Erdmännchen warnen. Aber ich freue mich schon sehr. Darüber hinaus gibt es hier ein Ehrenamtlichenzentrum das, man darf mich beglückwünschen, über eine Theatergruppe verfügt! Sie ist zwar gewiss nicht freimutesk, aber man kann nicht alles haben. Ein deutsches Sprachlernzentrum und ein deutscher Konversationsclub haben sich auch schon gemeldet und nur dem unermüdlichen Einsatz meiner absolut genialen Russischlehrerin ist es geschuldet, das ich mich schon fast flüssig unterhalten kann.
Zum Schluss ein hübsches Gedicht meines Namensvetters Aleksandr Blok:
Пусть светит месяц - ночь темна.
Пусть жизнь приносит людям счастье,-
В моей душе любви весна
Не сменит бурного ненастья.
Ночь распростерлась надо мной
И отвечает мертвым взглядом
На тусклый взор души больной,
Облитой острым, сладким ядом.
И тщетно, страсти затая,
В холодной мгле передрассветной
Среди толпы блуждаю я
С одной лишь думою заветной:
Пусть светит месяц - ночь темна.
Пусть жизнь приносит людям счастье,-
В моей душе любви весна
Не сменит бурного ненастья.
Пусть жизнь приносит людям счастье,-
В моей душе любви весна
Не сменит бурного ненастья.
Ночь распростерлась надо мной
И отвечает мертвым взглядом
На тусклый взор души больной,
Облитой острым, сладким ядом.
И тщетно, страсти затая,
В холодной мгле передрассветной
Среди толпы блуждаю я
С одной лишь думою заветной:
Пусть светит месяц - ночь темна.
Пусть жизнь приносит людям счастье,-
В моей душе любви весна
Не сменит бурного ненастья.
Und wenn ihr nett seit, gibt es auch bald die Übersetzung, denn meiner Russischlehrerin eigen ist die Methode, Märchen und Gedichte zu übersetzen. Übersetzen zu lassen. Adé, ich melde mich bald wieder!
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