Dienstag, 17. Januar 2012

Pomp and circumstances in blaugelb

Wessen wir souverän entwachsen sind, ist dem Ukrainer noch höchst zu eigen: Patriotismus in unschuldiger (und die Metapher weiter strapazierend) präpubertärer Form. Als Nation nicht älter als 22, hat der Nationalstolz in der Ukraine eine ganz eigene Bedeutung und Dimension: Um sich abzugrenzen und sich zu behaupten, um eigen zu sein, um sich zu unterscheiden vom ehemaligen großen Bruder im Osten: Russland erhebt Anspruch auf große Teile der ukrainischen Kultur. Von der Kiewer Rus, das von Nowgorod bis nach Kiew reichte, leiten sowohl die Russen als auch die Ukrainer ihre Nationen ab: Und die großen Helden wie Jaroslaw der Große und Wladimir der Heilige werden sowohl von Moskau als auch von Kiew in der jeweiligen Historiographie vereinnamt. Aus Moskaus Sicht ist Kiew gar die "Mutter der russischen Städte"...

Das alles muss man verstehen, bevor man den ukrainischen Nationalismus verurteilt, zumal von der Warte Deutschlands aus.

Und nun zum Grund meines Schreibens, zur großen Silvesterfeier auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew.

Nachdem ich wundervolle 2 Wochen zuhause im Kreise der Familie verbracht hatte, bestieg ich am 29.12 den Flug Köln-Kiew mit dem Behufe das neue Jahr dorten einzuleuten. Der Flughafen Kiew Zhulany ist nicht der größte Aeroport auf der Erde: Ganze zwei Gates hat er und ist im ganzen etwa so groß wie ein Provinzbahnhof, an dem selbst die S-Bahn nicht hält.

Das neue Jahr begrüßten wir auf dem Majdan, dem Unabhängigkeitsplatz, gemeinsam mit etwa 100.000 anderen. Ein etwa 30 Meter hoher "Weihnachtsbaum" (vornehmlich bestehend aus Lichterketten, Lichtanlagen, Scheinwerfen, und Flaklichtern und überdies gar keinen Tannenbaum, sondern ein Stahlgerüst beinhaltend) und eine blaugelb illuminierte Bühne (unzweifelhaft auch von der ISS noch zu beobachten) waren Landmarken. Allgemein kann man sagen, dass der ganze Platz, alle umgebenden Gebäude und eigentlich alles, was in Lichterketten gehüllt werden kann, auch eingehüllt wurde.

Auf der Bühne wurde gesungen, getanzt, geredet. Es traten auf:

Namhafte ukrainische Populärmusikgruppen

Folkloristische Tanzensembles

Diverse Maskottchen (2012 ist das Jahr des Drachen! Dass das chinesische Neue Jahr erst im Frühling anbricht, ficht den Ukrainer nicht an)

Der Kiewer Bürgermeister, der im ukrainischen Nationaltrikot und mit Fußball in der Hand eine bewegende Rede hielt, hauptsächlicher Inhalt: Слава Украiна! Es lebe die Ukraine.

Obligatorisch wurde später auf Leinwänden und der Bühne heruntergezählt und das neue Jahr mit großem Feuerwerk sowie (wer hätts geahnt?) mit der Nationalhymne begrüßt.

In der Menge flossen Schampanskoje und Krimsekt in Strömen und 2012 begann.

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