Belarus ist anders. Anders, sehr anders. Dieses leicht bedrohliche Gefühl, diese kalte Brise spürt man schon auf Weißrusslands exterritorialen Flecken, in der Botschaft in Kiew, wo ich zwecks Erwerb eines Visums vorsprechen musste. Anders als die Sicherheitsvorkehrungen Israels oder der USA, die trotz allem eher wie Pomp and Circumstances wirken, ist der Panzer mit dem sich Weißrussland umgibt eher wie das arendtsche eiserne Band des Totalitarismus. Alles scheint unwirklich und auf eine Weise uneuropäisch. Bewachen lassen sich die Diplomaten von ukrainischen Milizionären und nur eine Anmeldung öffnet die schweren Stahltore. Das Betreiben von Mobiltelefonen ist ebenso untersagt wie Gespräche. Hinter Milchglaswänden sind Lukaschenkos Bürokraten, kommunizieren lässt sich nur über Gegensprechanlage. Später konnte ich dann, ausgewählt und betraut mit der Abholung der belorussischen Sichtvermerke, noch einmal alleine die Gestade betreten, noch unwirklicher und bedrohlicher als in der Gruppe, denn Belarussland ist offensichtlich kein beliebtes Ziel und Visa demnach ungefragt.
Abends der Nachtzug Kiew-Minsk. Selbst die Schaffnerinnen sehen anders aus. Die Repräsentation ist für jedwede autoritäre Regierung wichtig, deswegen unterläuft das Zugpersonal vielfältigen ästhetischen Selektion, was in der Ukraine durchaus nicht so ist. Zunächst wurde uns die Fahrt durch das Ausfüllen der Migrationskarten versüßt, die von ebengenannten slawischen Schönheiten verteilt wurden: In zweifacher Ausfertigung gaben wir jede mögliche Information über Größe, Sinn und Dauer der Reise, Pass- und Visumsnummer sowie Blutgruppe, allgemeinen Geundheitszustand sowie unsere persönliche Meinung darüber, warum Aleksandr Lukaschenko der bestmöglichste Präsident ist, an. Der Komfort, mit dem wir auf Belarus' Trassen dahinglitten, ließ einen sanften Schlaf folgen, der unsanft unterbrochen wurde, als um 2:24 Ortszeit belarussische Grenzer mit dem Behufe den Zug und die Passagiere zu kontrollieren, das Abteil betraten. Deren Existenzberechtigung waren größtenteils grimmige Gesichtsausdrücke und das unbedingte Wahrnehmen von Hoheitsrechten. Außerdem nahmen sie sie eine Hälfte der Migrationskarte an sich, die aus diesem Grunde über eine Perforation verfügt. Bei der Abreise wird die andere Hälfte abgegeben, damit alles seine Ordnung hat.
Minsk ist anders als die meisten ukrainischen Städte. Bis zum äußersten aufpoliert, unglaublich sauber, unglaublich modern und beeindruckend verwestlicht ist Weißrusslands Kapitale eher Schein als Sein: Alles scheint wunderbar, unter der Oberfläche ist es das weniger. Die Inflation ist infernal. Der Kurs beträgt 1:11000 und er steigt noch weiter. Deswegen kostet ein Metroticket hier 1300 Rubel und die Freiwilligen erhalten 1.6 Mio. Rubel Taschengeld. Absurd, wie so vieles in diesem so absurden Land.
Der Grund meiner Reise war ein Seminar, das erste der zwei Zwischenseminare meines FSJ, das in einem Gästehaus der orthodoxen Kirche in der Vorstadt Minsks stattfand. Besonders erfreut war ich natürlich darüber alle Freiwilligen unserer Gruppe wiederzusehen, die aus allen Himmelsrichtungen eintrafen: Lemberg, Dnepropetrowsk, Tschernowitz, Kiew und von der Krim. Das Abenteuer GUS schmiedet zusammen, unsere Gruppe ist in meinen Augen die, welche an meisten an sich hängt.
Seminarthemen waren unter anderem die Arbeit in den Projekten und die Erfahrungen der ersten drei Monate. Es war besonders interessant sich mit den anderen Freiwilligen auszutauschen. Abendliches Programm waren Theaterimprovisationen sowie exzessives Werwolfspielen. Außerdem verfügte das Gästehaus über eine Sauna, die natürlich ebenso besucht wurde.
Wir verbrachten auch einen Tag im Dialog mit weißrussischen Jugendlichen bei einem Seminar in der belarussisch-deutschen Geschichtswerkstadt. Wir unterhielten uns über Erinnerungskultur. Es wird klar, wie engagiert und auch oppositionell eingestellt die Jugend hier ist, wenn auch resigniert durch die absolut fehlende Möglichkeit zu legalem Engagement.
Nächste Woche werde ich wieder nach Deutschland, auf Urlaub sozusagen, um Weihnachten zuhause verbringen zu können. Ich hoffe es geht allen gut und ich wünsche an dieser Stelle schon besinnliche Feiertage, sowie weitere Floskeln, die ich mich schäme zu verwenden,
Marian
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