Nun werde ich wegen einer so banalen Sache wie dem leiblichen Wohl zur Feder (man verzeihe die anachronistische Metapher) greifen. Denn es gibt tatsächlich einige Unterschiede zwischen den Essgewohnheiten hier und den heimatlichen Gepflogenheiten. Direkt werde ich mit einigen Vorurteilen aufräumen. Nein, man isst hier nicht nur Kohl, wie man mich angstbebend vor meiner Abreise warnte; nein, es wird zum Essen nicht Wodka gereicht, was einige ungenannte Freunde fälschlicherweise annahmen und mich ob dessen zu erhöhtem Alkoholkonsum anhalten wollten.
Was allerdings stimmt ist dass man sich von viel von Deutschland Selbstverständlichkeiten lösen muss. Die Dumpingpreise, die dem Deutschen stetigen Zugang zu Fleisch und damit zu hohem Cholesterinspiegel, Gicht und anderen Entlastungen der Rentenkassen gewähren, gibt es hier nicht. Fleisch ist teuer. Deswegen isst man wenig davon.
Was weiterhin stimmt ist, das man zu jeder Tag- und Nachtzeit, bei jeder Gelegenheit und überall Tee trinkt. Zum Frühstück, zum Mittagessen, zum Abendbrot, beim Mitternachtsimbiss, vor, nach und während Feierlichkeiten, beim Fernsehschauen und beim Begräbnis von Babuschka Valentinowna.
Kommen wir nun aber zu den tatsächlichen Kuriositäten, die einem Mitteleuropäer das befriedigende Gefühl vermitteln an der Spitze kulinarischen Zivilisationsfortschrittes zu stehen: ( wenn man den Bayer ausklammert, der im betrunkenen Zustand schlafend im Spanferkel versinkt oder den Hanseaten, der mit der Erfindung des Labskauses für die Abfallentsorgung eine delikate Lösung fand oder auch den Schweden zu dessen Delikatessen verfaulter Hering gehören) So habe ich mich durchaus gewundert als mir meine Vermieterin das erste mal Halva vorsetzte. Das ist Sonnenblumenkernmus mit Honig, sieht aber aus wie Erde oder Ähnliches, sodass ich mich wunderte, ob sie mit mir entweder die geologischen Bedingungen des Umlandes oder die medizinischen Bedingungen ihrer Verdauung diskutieren wollte. Nach Überwindung einiger Berührungsängste habe ich mich sehr mit jener Leckerei angefreundet.
Was ebenfalls kurios, aber wohlschmeckend ist, sind Kürbisschnitzel! Man nehme einen ebensolchen, schneide ihn in Scheiben und samt Panade brate diesen. Sehr lecker. Weiterhin gibt es eine Spezialität, zu berüchtigt dass sie einen Namen hat: Sahne, Butter und Zucker gehen zusammen eine unheilvolle Allianz ein. Als ich davon gekostet habe unterrichtete mich meine Vermieterin über diesen Umstand. Nachdem ich aus meiner Ohnmacht erwachte, schwor ich mir von nun an von solchem Zeug fern zu bleiben.
Nach diesem kurzen Ausflug in die Gastronomie darf ich den an Solchem uninteressierten Leser um Verzeihung und um Verständnis bitten. ich melde mich in Bälde wieder!
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