Dienstag, 20. September 2011

Apfelgarten

Charkiw ist hässlich. Sehr hässlich. So hässlich, dass man durchaus einiges an Anstrengung und/oder Sehfehlern benötigt um hübsche Ecken zu finden. Bürgersteige sind selten, den Stadtvätern scheint zwischen zwei Wodka dieser Zustand aufgefallen sein und von der nahenden EM in Alarmbereitschaft versetzt, säumen nun Schrottberge, Sandhügel und Löcher die Straßen. Nie war das promenieren auf den Trottoirs interessanter und nervenaufreibender. Das heißt allerdings nicht, dass sich die Straßen in einem besseren Zustand befinden! Oh nein. Was bei uns einen wütenden Mob Automobilisten vor das nächste Straßenverkehrsamt ziehen ließe, gilt hier als Straße in perfektem Zustand. Die Regel sind eher Schlaglöcher(denen man mit dem Namen Schlagcanyons oder Schlagschluchten eher gerecht werden würde) die ob der fehlenden Kanalisation voller Wasser sind. Gemeinsam mit dem Habitus ukrainischer Personenkraftwagen, keine Sicherheitsgurte zu besitzen, machen diese Charakteristika das Autofahren zu einer unvergesslichen Erfahrung.

Charkiw ist eine sowjetische Stadt. Sehr sowjetisch. Wahrscheinlich sowjetischer als Moskau und Petersburg zusammen, hatte man doch das Glück beim Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg von wenig verbliebener bourgeoiser Bausubstanz gestört zu werden. Dies mag dem Dauerbombardement durch die Wehrmacht geschuldet sein, bei dem mehr Munition verschossen wurde als im ganzen ersten Weltkrieg, aber ich bin mir noch nicht ganz sicher. Aber der entstandene Platz wurde sofort mit Denkmälern, protzigen Verwaltungsgebäuden im Stil des sozialistischen Realismus und Plattenbauwohnungen aufgefüllt. Natürlich darf auch die riesige Leninstatue nicht fehlen, die den großen Platz souverän überblickt.

Nun zu meiner Tätigkeit, denn ich hämmere ja nicht nur lustvoll Glossen über den Ostblock in die Tasten, weil ich ein arroganter kapitalismusverwöhnter Wohlstandsbengel bin, sondern ich volontoriere hier. Heute beispielsweise habe ich in einem Garten einer Babuschka gearbeitet -Der geneigte Leser wird sich denken, dass nun der Bogen zum Titel geschlagen wird- und dort Äpfel geerntet. Es macht unglaublich Spaß durch einen Garten, der so undurchdringlich ist wie der Regenwald es einmal gewesen sein muss ( bevor der Brasilianer auf den Trichter gekommen ist, dass der Europäer Klobrillen aus Mahagoni kauft) und aus dem ich mit Eimer und Kisten Äpfel um Äpfel heraushole, eine sehr meditative Tätigkeit.

Hier sehen wir das Haus in dem ich wohne. Suchbild: Wer findet mich, aus dem Fenster winkend?


Ich werde mich bald wieder melden. Auf wiedersehen, Bis bald, Ich vermisse wohl die meisten der geneigten Leser

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