Donnerstag, 15. September 2011

Die Reise


Warten – Das ist eine leidige Beschäftigung. Warten auf etwas das man ersehnt ist unbefriedigend, etwas erwarten das man nicht einordnen kann ist unschön. Unsere Gruppe löste sich langsam immer mehr auf, nachdem wir die drei Weißrussen am Nachmittag verabschiedet hatten, neigte sich auch unsere Zeit in Deutschland dem Ende zu. Das Abenteuer Schlafwagen Berlin-Kiew begann.

Man darf einige elementare Unterschiede zwischen Bahnfahrten in Deutschland und in der Ukraine feststellen: Zum einen ist eine Strecke meistens lang. Sehr lang. Die Standardantwort von der Entfernung zweier ukrainischer Destinationen ist meist: Eine Nacht! So äußert sich der erste Unterschied. Wenn man in der Ukraine Bahn fährt, nutzt man den Schlafwagen. Ein für Deutsche eher ungewohntes Verkehrsmittel, müsste man doch nach den Tarifen der Deutschen Bahn ungefähr den Gegenwert mehrerer Nobelklassewagen gegen ein Billet eintauschen, das einen berechtigt im Zug zu nächtigen. Man wird hier äußerst zuvorkommend mit Tee versorgt, der einem vom Waggonschaffner aufs Abteil gebracht wird und der für etwa 0,3€ erworben werden kann (auch hier ließen sich Vergleiche zur Deutschen Bahn ziehen, wo man nach Kauf einer Tasse Tee eher das Gefühl hat, man erwarb ein Aktienpaket einer Teeplantage in Sri Lanka)

Und auch weitere Unterschiede drängen sich auf: Während der Schaffner in Deutschland nur auftaucht um die Fahrkarten zu kontrollieren und ansonsten (im Falle des Bedarfs) völlig unauffindbar und eher Gegenstand von Legenden ist, gibt es in ukrainischen Zügen zwei Schaffner pro Waggon. Zwei. Pro Waggon. Nicht einer im ICE. Reminiszenzen an sozialistische Personalwirtschaft drängen sich auf, aber ich würde auf Börsenorientierung und Ökonomie verzichten, wenn ich dafür einen Schaffner in Reichweite wüsste, wenn ich einen nötig hätte.

Aber es gibt auch Nachteile. Man teilt sich zu dritt ein Abteil, das – nicht nur gefühlt!- 2 m² umfasst und in dem sich 3 Stockbetten übereinander befinden, deren untere zwei man tagsüber in eine Sitzbank transformiert. Der Platz ( oder eher das Fehlen desselben) lassen mich Batteriehühner ob deren großzügiger und luxuriöser Domizile beneiden. Man schläft allerdings sehr gut darin, obwohl der Zustand der Schienen eher gewöhnungsbedürftig ist. So schaukeln wir durch die Nacht, und sind bald in Kiew.

Auf einem Bahnhof machten wir kurz Pause und betraten eine andere Welt. Sofort wurden wir von älteren Babushkis bestürmt, die uns wortreich die Erzeugnisse ihres Gartens verkaufen wollten. Ich hätte nicht gedacht, dass einem sofort diese Armut bewusst wird.

In Kiew, dem goldnen, dem Schönen, dem uralten - hatte ich eine Stunde Aufenthalt, denn weiter ging es mit dem Nachtzug nach Charkow. Die Fahrt war interessant und ich hätte nie gedacht, dass ich in einem Vehikel das einen Geräuschpegel wie ein sowjetischer T34-Panzer hat so gut nächtigen könnte, aber es geht. In Charkow wurde ich von meinen Kollegen Natascha und Jura empfangen und zu meiner Wirtin gebracht – Viktoria Alexejewna und, man darf es mir glauben, sie teilt mit der literarischen Frau Windscheid alles bis auf die Nationalität. Ich muss meinen Borschtsch essen, der sehr „vkusna“ ist, wie sie mir versichert und was ich auch bestätigen kann, meinen Tee habe ich mit Zucker zu trinken, als ich ihr meinen Habitus nahebrachte, dass ich sonst meinen Tee ungesüßt zu verzehren pflegte, war sie äußerst entgeistert, als hätte ich gesagt dass Wiktor Janukowytsch in Wahrheit ein Rauhaardackel sei. Mein Zimmer ist sehr hübsch, allerdings überwiegend innenarchitektonisch mit kleinen Kätzchen verziert, was ich nur begrenzt als schön erachte. Meine Wohnung liegt im 3. Stock, Dscherednischenkowskij Pjereulok (man muss etwas üben um solch eine Adresse lässig einem Taxifahrer zu nennen) im Ljeninskij Rajon, nicht wirklich im Zentrum, aber auch nicht außerhalb. So wohne ich die nächsten 365 Tage und bin zufrieden, nachdem ich die Kätzchen von meinen Wänden entfernt habe.

14.09.11




1 Kommentar:

  1. Da bin ich ja beruhigt, dass sich eine Babuschka gehoerig um dein Wohlergehen sorgt.

    A propos Kaetzchen: http://www.youtube.com/watch?v=mTTwcCVajAc

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