Man möge den reißerischen Titel entschuldigen, aber manchmal wundere ich mich doch wenn ich nach einem kleinen Spaziergang nachhause komme, dass ich noch an einem Stücke bin. Verkehrszeichen scheinen hier eher aus kosmetischen Zwecken zu stehen. Zebrastreifen sind auch vorhanden, aber wer denkt, dass der Autofahrer sein Gefährt drosselt, der irrt. Rote Ampeln scheinen eher formlose Anregungen zu sein, wenn man sich kurz umschaut und keinen Milizionär sieht, geht es weiter. Der Ukrainer hat seine Zeit auch nicht gestohlen.
Woran ich mich noch sehr gewöhnen muss sind die Marschrutkas. Das sind Linientaxis, die regelmäßig auf Linien verkehren. Ein für europäische Begriffe sehr ungewöhnliches Verkehrsmittel, bestehen sie doch aus Kastenwagen mit Stuhlreihen darin. Gefahren werden sie von risikoliebenden Straßenrowdies , die in einem früheren Leben sicher Karriere als Barbareskenkorsaren und/oder Opponenten Ben Hurs im Wagenrennen gemacht hätten. Ein großer Spaß ist diese wilde Fahrt, die einen das Leben wieder schätzen lässt.
Heute hat meine Vermieterin die Einkäufe für den Winter erledigt. Normalerweise tendiere ich ja zu auktorialer Übertreibung, jetzt will ich als nüchterner Beobachter die Waren, die da von mir in die Wohnung getragen wurden, aufzählen.
50 Kg Zucker
2 Säcke à 20 Kg Kartoffeln
2 Kisten Zwiebeln
Die Welt mag untergehen, wir sind sicher und gut versorgt, wenn der Winter härter als erwartet wird.
Samstag, 19. November 2011
Montag, 7. November 2011
Allmählich...
Allmählich komme ich an, allmählich bin ich hier. Ich wundere mich nicht mehr über den ruppigen Tonfall der Leute, der ein wenig an agressiv-schnoddriges Berlinerisch, ist aber hier normal und nicht böse gemeint. Zunächst war ich ein wenig irritiert, aber dann assimilierte ich mich. Man möge mir, wenn ich wieder heimkehre
mein slawisches Verständnis von Höflichkeit nachsehen. Ich habe meinen Rythmus hier gefunden. Der Takt einer Millionenstadt in der Ukraine ist ein anderer als der einer Kleinstadt in Deutschland. Wo ich früher mit dem Fahrrad hinfuhr, bringt mich heute die Metro hin. Fahrradfahren ist hier allerdings auch ein Extremsport, vergleichbar mit Apnoetauchen, Freistilringen mit Bären oder barbrüstiges Fechten.
Eine kleine Bemerkung zum Tarifsystem der Charkower Metro: Während man für eine Fahrt nach Köln mit der KVB 3,50€ zu entrichten hat, kostet eine fahrt beliebiger Länge hier 2 UAH, i. e. 0,20€. man kann also zum Preis einer Fahrt in Deutschland 17½ mal mit der Metro durch Charkiv brausen. dazu kommt noch, dass man mit der KVB zunächst einmal Tarifbuch, Streckenplan, Bibel, Encyclopaedia Britannica und das BGB zurate ziehen muss um seinen Tarif mithilfe von Dreisatz, Kurvendiskussion und Astrologie bestimmen zu können. Das Leben hier hat also auch klare Vorteile.
Dank eines Wochenplans habe ich jetzt eine klar durchstrukturierte Woche. Vormittags helfe ich entweder älteren Familien zu Hause oder arbeite im Sanatorium und Nachmittags habe ich Russischunterricht. Woran ich mich jetzt gewöhnt habe - was mich anfangs ein wenig belastet hat - ist, dass tatsächlich alle der älteren Menschen entweder Zwangsarbeiter oder KZ-Häftlinge gewesen sind.
Wie reagieren sie auf mich? Akzeptieren sie mich als Nachkommen der Täter? Nehmen sie meine Hilfe an?
ja, sie tun es. Sie freuen sich über meine Hilfe, freuen sich über die Gelegenheit ihre Brocken Deutsch anwenden zu können und akzeptieren mich voll und ganz.
mein slawisches Verständnis von Höflichkeit nachsehen. Ich habe meinen Rythmus hier gefunden. Der Takt einer Millionenstadt in der Ukraine ist ein anderer als der einer Kleinstadt in Deutschland. Wo ich früher mit dem Fahrrad hinfuhr, bringt mich heute die Metro hin. Fahrradfahren ist hier allerdings auch ein Extremsport, vergleichbar mit Apnoetauchen, Freistilringen mit Bären oder barbrüstiges Fechten.
Eine kleine Bemerkung zum Tarifsystem der Charkower Metro: Während man für eine Fahrt nach Köln mit der KVB 3,50€ zu entrichten hat, kostet eine fahrt beliebiger Länge hier 2 UAH, i. e. 0,20€. man kann also zum Preis einer Fahrt in Deutschland 17½ mal mit der Metro durch Charkiv brausen. dazu kommt noch, dass man mit der KVB zunächst einmal Tarifbuch, Streckenplan, Bibel, Encyclopaedia Britannica und das BGB zurate ziehen muss um seinen Tarif mithilfe von Dreisatz, Kurvendiskussion und Astrologie bestimmen zu können. Das Leben hier hat also auch klare Vorteile.
Dank eines Wochenplans habe ich jetzt eine klar durchstrukturierte Woche. Vormittags helfe ich entweder älteren Familien zu Hause oder arbeite im Sanatorium und Nachmittags habe ich Russischunterricht. Woran ich mich jetzt gewöhnt habe - was mich anfangs ein wenig belastet hat - ist, dass tatsächlich alle der älteren Menschen entweder Zwangsarbeiter oder KZ-Häftlinge gewesen sind.
Wie reagieren sie auf mich? Akzeptieren sie mich als Nachkommen der Täter? Nehmen sie meine Hilfe an?
ja, sie tun es. Sie freuen sich über meine Hilfe, freuen sich über die Gelegenheit ihre Brocken Deutsch anwenden zu können und akzeptieren mich voll und ganz.
Dienstag, 18. Oktober 2011
Weißer Oktober
Viele Grüße aus dem kalten Charkiv. Lieber Leser, vor dem Weiterlesen bitte ich folgende Vorkehrungen zu treffen: Man nehme sich -Da die meisten Leser zur menschlichen Rasse und noch einige zum Bildungsbürgertum gehören, setze ich es einfach mal voraus- aus seinem Plattenschrank die vier Jahreszeiten des Vivaldi und lege den letzten Teil auf. Für Bequeme ein Link:
http://www.youtube.com/watch?v=nGdFHJXciAQ
(Oma, wenn du das liest und nicht verstehst, lass es dir von Tante Antje erklären, die freut sich immer in informationstechnologischen Fragen weiterzuhelfen)
Es wird Winter, zumindest für meine Begriffe. Ich habe das Gefühl das Wetter nat einfach nonchalant den eigentlich in diese Periode gehörigen Herbst links liegen lassen und mit der nächsten Jahreszeit weitergemacht. Heute hat es das erste mal geschneit. Mir blieb nicht viel Zeit mich dessen zu freuen, denn im laufe dieses Tages brach ein dermaßener Wolkenbruch los, der nicht nur den verhaltenen weißen Pelz hinwegfegte und in schlammiges Grau verunedelte, sondern der auch die sowieso nur in Legenden vorhandene Kanalisation völlig überforderte. Charkiv ähnelt nun einer südeuropäischen Stadt mit V, deren Name mir partout nicht mehr einfallen möchte. Jedenfalls erwarte ich jeden Tag, dass Gondoliere mit slawischem Akzent auf den Kanälen ihre Runden zu ziehen beginnen. Ein reger Fährverkehr entwickelt sich an Verkehrsampeln und Fischmärkte schießen aus dem Boden. Man hört Seemänner Shanties singen und Möwen ziehen über endlose Wasserflächen, aus denen manchmal kleine Kirchturmdächer oder Strommasten ragen, die willkommene Rast für die Seevögel bieten.
Anmerkung: Künstlerische Freiheit und gesunde Übertreibung sind Erklärung für Obiges und Selbige hält hoffentlich von der Alarmierung des Technischen Hilfswerkes, des Malteser Hilfsdienstes und des Botschafters in Kiew ab, so schlimm ist es auch nicht. Trotzdem bin ich froh das Freischwimmerabzeichen zu besitzen, man kann nie wissen!
Es ist kalt hier, aber langsam komme ich an. Meine Sprache wird immer besser, ich bin schon zu philosophischen oder politischen Diskussionen fähig, was sehr schön ist, bestanden meine Konversationen doch vorher vor allem daraus in lauter Stimme nach dem Weg zum Bahnhof zu fragen (meistens wollte ich den Weg überhaupt nicht wissen, aber was soll man machen). Man darf glauben, dass dieses Thema recht schnell aufgebraucht war.
Nun aber weiter im Text. Mein Projekt macht mir Spaß, ich fühle mich gebraucht. Ich habe das Gefühl zu helfen und komme in Berührung mit gelebter Geschichte, das ist alles so faszinierend! Ich habe jetzt auch eigene Babuschki, zu denen ich regelmäßig gehe. Das ist schön, man mehr Gelegenheit zum Gespräch.
Ich bin jetzt Mitglied einer Theatergruppe! Ich spiele einen Botschafter. Meine Rolle ist gewiss nicht umfangreich, einen Monolog mephistopheleischer Ausprägung oder wenigstens wie bei Hamlet sucht man vergebens. Ich habe 3 Wörter zu sagen (in Worten: drei) und übe fleißig, dass ich sie nicht vergesse.
Ich habe außerdem einen Chor gefunden! Ich muss gestehen, es gibt einen kleinen Unterschied zwischen dem Studentenchor der Nationalen Musikhochschule und dem Kirchenchor Servatius, aber ich denke es wird. Es ist äußerst fordernd und die Chorliteratur (kontemporär und auf ukrainisch) ist äußerst spannend (verstehen kann ich nichts, aber man kann nicht alles haben)
Ich verabschiede mich und melde mich in Bälde mit neuen Neuigkeiten zurück.
http://www.youtube.com/watch?v=nGdFHJXciAQ
(Oma, wenn du das liest und nicht verstehst, lass es dir von Tante Antje erklären, die freut sich immer in informationstechnologischen Fragen weiterzuhelfen)
Es wird Winter, zumindest für meine Begriffe. Ich habe das Gefühl das Wetter nat einfach nonchalant den eigentlich in diese Periode gehörigen Herbst links liegen lassen und mit der nächsten Jahreszeit weitergemacht. Heute hat es das erste mal geschneit. Mir blieb nicht viel Zeit mich dessen zu freuen, denn im laufe dieses Tages brach ein dermaßener Wolkenbruch los, der nicht nur den verhaltenen weißen Pelz hinwegfegte und in schlammiges Grau verunedelte, sondern der auch die sowieso nur in Legenden vorhandene Kanalisation völlig überforderte. Charkiv ähnelt nun einer südeuropäischen Stadt mit V, deren Name mir partout nicht mehr einfallen möchte. Jedenfalls erwarte ich jeden Tag, dass Gondoliere mit slawischem Akzent auf den Kanälen ihre Runden zu ziehen beginnen. Ein reger Fährverkehr entwickelt sich an Verkehrsampeln und Fischmärkte schießen aus dem Boden. Man hört Seemänner Shanties singen und Möwen ziehen über endlose Wasserflächen, aus denen manchmal kleine Kirchturmdächer oder Strommasten ragen, die willkommene Rast für die Seevögel bieten.
Anmerkung: Künstlerische Freiheit und gesunde Übertreibung sind Erklärung für Obiges und Selbige hält hoffentlich von der Alarmierung des Technischen Hilfswerkes, des Malteser Hilfsdienstes und des Botschafters in Kiew ab, so schlimm ist es auch nicht. Trotzdem bin ich froh das Freischwimmerabzeichen zu besitzen, man kann nie wissen!
Es ist kalt hier, aber langsam komme ich an. Meine Sprache wird immer besser, ich bin schon zu philosophischen oder politischen Diskussionen fähig, was sehr schön ist, bestanden meine Konversationen doch vorher vor allem daraus in lauter Stimme nach dem Weg zum Bahnhof zu fragen (meistens wollte ich den Weg überhaupt nicht wissen, aber was soll man machen). Man darf glauben, dass dieses Thema recht schnell aufgebraucht war.
Nun aber weiter im Text. Mein Projekt macht mir Spaß, ich fühle mich gebraucht. Ich habe das Gefühl zu helfen und komme in Berührung mit gelebter Geschichte, das ist alles so faszinierend! Ich habe jetzt auch eigene Babuschki, zu denen ich regelmäßig gehe. Das ist schön, man mehr Gelegenheit zum Gespräch.
Ich bin jetzt Mitglied einer Theatergruppe! Ich spiele einen Botschafter. Meine Rolle ist gewiss nicht umfangreich, einen Monolog mephistopheleischer Ausprägung oder wenigstens wie bei Hamlet sucht man vergebens. Ich habe 3 Wörter zu sagen (in Worten: drei) und übe fleißig, dass ich sie nicht vergesse.
Ich habe außerdem einen Chor gefunden! Ich muss gestehen, es gibt einen kleinen Unterschied zwischen dem Studentenchor der Nationalen Musikhochschule und dem Kirchenchor Servatius, aber ich denke es wird. Es ist äußerst fordernd und die Chorliteratur (kontemporär und auf ukrainisch) ist äußerst spannend (verstehen kann ich nichts, aber man kann nicht alles haben)
Ich verabschiede mich und melde mich in Bälde mit neuen Neuigkeiten zurück.
Dienstag, 4. Oktober 2011
Ein unterhaltsamer Abend (armenesk)
Beziehungen sind eine gute Sache. Man gelangt damit in den Genuss vieler Privilegien, das weiß jeder Christ- und Liberaldemokrat. Auch ich kam jüngst über Beziehungen in den Genuss eines besonderen Privilegs: Des armenischen Abends. Zu Aufklärung, Charkiv verfügt über eine große armenische Gemeinschaft und am armenischen Nationalfeiertag findet traditionell eine musikalisch-tänzerische Veranstaltung in der Oper statt, zu der mich der Leiter des deutschen Kulturvereins ein, der seinerseits vom Vorsitzenden der Kurden in Charkiv Freikarten erhalten hatte. Ich hoffe der Leser kann mir insoweit folgen, sieht hier indes auch ein Beispiel für Praktiken, die man -in unsympathischerer Form- so fast überall beobachten kann (Mafia, Frauenhandel, CSU).
Zu diesem Anlass war Volk und Prominenz vorhanden und schwarze Limousinen blockierten den Bürgersteig. Die Insassen, umschwärmt von einer Horde Sicherheitsleute strebten auf die Oper Charkivs zu- Warlords, Oligarchen, Mafiosi und Politiker, zumeist jedoch eine Mischung davon.
Zu diesem Anlass war Volk und Prominenz vorhanden und schwarze Limousinen blockierten den Bürgersteig. Die Insassen, umschwärmt von einer Horde Sicherheitsleute strebten auf die Oper Charkivs zu- Warlords, Oligarchen, Mafiosi und Politiker, zumeist jedoch eine Mischung davon.
Nun also durfte ich die monumentale Charkiver Oper besuchen um mir diesen Abend anzusehen. Es war ein Mordsspaß. Unvollständig bekleidete Tänzerinnen gaben Halsbrecherisches zum Besten und ein kleinwüchsiger Knabe sang dazu armenische Volkslieder. Die Musik der Fernsehserie "Dallas", die jetzt aus den Boxen plärrte, sollte wohl etwas Wichtiges ankündigen und Applaus begrüßte den Gouverneur der Charkiver Region und den Botschafter der Republik Armenien, beides dicke Männer mit wenig Hals und schlechtsitzenden Anzügen. Der offizielle Teil des Abends begann mit dem Verteilen von Medaillen und Auszeichnungen an andere dicke Männer mit wenig Hals. Was auch immer diese Männer geleistet haben, ein Marathonlauf war gewiss nicht dabei. Nach der langweiligen Selbstbeweihräucherung und dem gegenseitigen Verteilen von Flitter, Blech, Urkunden und weiteren Egomasturbationshilfen ging es mit dem Programm weiter. Alles in allem - ein unterhaltsamer Abend.
Edit:
Ich darf dem obigen noch etwas hinzufügen, welches nicht voluminös genug für einen eigenen Eintrag ist, ich aber dennoch wichtig finde. Mir haben sich außer meinem Hauptprojekt noch weitere Möglichkeiten eröffnet, wie ich hier tätig werden kann; Charkiv pflegt eine Städtepartnerschaft mit Nürnberg ( Ich beispielsweise hätte Schwierigkeiten diese beide Städte zu unterscheiden, beide nicht besonders hübsch, beide weit weg von zuhaus und in beiden wird eine Sprache gesprochen die ich nicht verstehe) und deswegen gibt es hier ein deutsch-ukrainisches Kulturzentrum, "Дом Нюрнберга" , das Nürnberger Haus. Dort hat mir der Kulturmanager uns (mir und den drei anderen deutschen Freiwilligen die hier in Charkiv sind und die ich per Zufall getroffen habe) in äußerst schnellem Russisch etwas angeboten, das "Projekt", "Design", "Kunst" und "Kultur" beinhaltete, sicher bin ich mir allerdings nicht, vielleicht wollte er uns auch vor einer Verschwörung durch Erdstrahlung/CIA/Erdmännchen warnen. Aber ich freue mich schon sehr. Darüber hinaus gibt es hier ein Ehrenamtlichenzentrum das, man darf mich beglückwünschen, über eine Theatergruppe verfügt! Sie ist zwar gewiss nicht freimutesk, aber man kann nicht alles haben. Ein deutsches Sprachlernzentrum und ein deutscher Konversationsclub haben sich auch schon gemeldet und nur dem unermüdlichen Einsatz meiner absolut genialen Russischlehrerin ist es geschuldet, das ich mich schon fast flüssig unterhalten kann.
Zum Schluss ein hübsches Gedicht meines Namensvetters Aleksandr Blok:
Und wenn ihr nett seit, gibt es auch bald die Übersetzung, denn meiner Russischlehrerin eigen ist die Methode, Märchen und Gedichte zu übersetzen. Übersetzen zu lassen. Adé, ich melde mich bald wieder!
Edit:
Ich darf dem obigen noch etwas hinzufügen, welches nicht voluminös genug für einen eigenen Eintrag ist, ich aber dennoch wichtig finde. Mir haben sich außer meinem Hauptprojekt noch weitere Möglichkeiten eröffnet, wie ich hier tätig werden kann; Charkiv pflegt eine Städtepartnerschaft mit Nürnberg ( Ich beispielsweise hätte Schwierigkeiten diese beide Städte zu unterscheiden, beide nicht besonders hübsch, beide weit weg von zuhaus und in beiden wird eine Sprache gesprochen die ich nicht verstehe) und deswegen gibt es hier ein deutsch-ukrainisches Kulturzentrum, "Дом Нюрнберга" , das Nürnberger Haus. Dort hat mir der Kulturmanager uns (mir und den drei anderen deutschen Freiwilligen die hier in Charkiv sind und die ich per Zufall getroffen habe) in äußerst schnellem Russisch etwas angeboten, das "Projekt", "Design", "Kunst" und "Kultur" beinhaltete, sicher bin ich mir allerdings nicht, vielleicht wollte er uns auch vor einer Verschwörung durch Erdstrahlung/CIA/Erdmännchen warnen. Aber ich freue mich schon sehr. Darüber hinaus gibt es hier ein Ehrenamtlichenzentrum das, man darf mich beglückwünschen, über eine Theatergruppe verfügt! Sie ist zwar gewiss nicht freimutesk, aber man kann nicht alles haben. Ein deutsches Sprachlernzentrum und ein deutscher Konversationsclub haben sich auch schon gemeldet und nur dem unermüdlichen Einsatz meiner absolut genialen Russischlehrerin ist es geschuldet, das ich mich schon fast flüssig unterhalten kann.
Zum Schluss ein hübsches Gedicht meines Namensvetters Aleksandr Blok:
Пусть светит месяц - ночь темна.
Пусть жизнь приносит людям счастье,-
В моей душе любви весна
Не сменит бурного ненастья.
Ночь распростерлась надо мной
И отвечает мертвым взглядом
На тусклый взор души больной,
Облитой острым, сладким ядом.
И тщетно, страсти затая,
В холодной мгле передрассветной
Среди толпы блуждаю я
С одной лишь думою заветной:
Пусть светит месяц - ночь темна.
Пусть жизнь приносит людям счастье,-
В моей душе любви весна
Не сменит бурного ненастья.
Пусть жизнь приносит людям счастье,-
В моей душе любви весна
Не сменит бурного ненастья.
Ночь распростерлась надо мной
И отвечает мертвым взглядом
На тусклый взор души больной,
Облитой острым, сладким ядом.
И тщетно, страсти затая,
В холодной мгле передрассветной
Среди толпы блуждаю я
С одной лишь думою заветной:
Пусть светит месяц - ночь темна.
Пусть жизнь приносит людям счастье,-
В моей душе любви весна
Не сменит бурного ненастья.
Und wenn ihr nett seit, gibt es auch bald die Übersetzung, denn meiner Russischlehrerin eigen ist die Methode, Märchen und Gedichte zu übersetzen. Übersetzen zu lassen. Adé, ich melde mich bald wieder!
Montag, 26. September 2011
Essay über das Essen
Nun werde ich wegen einer so banalen Sache wie dem leiblichen Wohl zur Feder (man verzeihe die anachronistische Metapher) greifen. Denn es gibt tatsächlich einige Unterschiede zwischen den Essgewohnheiten hier und den heimatlichen Gepflogenheiten. Direkt werde ich mit einigen Vorurteilen aufräumen. Nein, man isst hier nicht nur Kohl, wie man mich angstbebend vor meiner Abreise warnte; nein, es wird zum Essen nicht Wodka gereicht, was einige ungenannte Freunde fälschlicherweise annahmen und mich ob dessen zu erhöhtem Alkoholkonsum anhalten wollten.
Was allerdings stimmt ist dass man sich von viel von Deutschland Selbstverständlichkeiten lösen muss. Die Dumpingpreise, die dem Deutschen stetigen Zugang zu Fleisch und damit zu hohem Cholesterinspiegel, Gicht und anderen Entlastungen der Rentenkassen gewähren, gibt es hier nicht. Fleisch ist teuer. Deswegen isst man wenig davon.
Was weiterhin stimmt ist, das man zu jeder Tag- und Nachtzeit, bei jeder Gelegenheit und überall Tee trinkt. Zum Frühstück, zum Mittagessen, zum Abendbrot, beim Mitternachtsimbiss, vor, nach und während Feierlichkeiten, beim Fernsehschauen und beim Begräbnis von Babuschka Valentinowna.
Kommen wir nun aber zu den tatsächlichen Kuriositäten, die einem Mitteleuropäer das befriedigende Gefühl vermitteln an der Spitze kulinarischen Zivilisationsfortschrittes zu stehen: ( wenn man den Bayer ausklammert, der im betrunkenen Zustand schlafend im Spanferkel versinkt oder den Hanseaten, der mit der Erfindung des Labskauses für die Abfallentsorgung eine delikate Lösung fand oder auch den Schweden zu dessen Delikatessen verfaulter Hering gehören) So habe ich mich durchaus gewundert als mir meine Vermieterin das erste mal Halva vorsetzte. Das ist Sonnenblumenkernmus mit Honig, sieht aber aus wie Erde oder Ähnliches, sodass ich mich wunderte, ob sie mit mir entweder die geologischen Bedingungen des Umlandes oder die medizinischen Bedingungen ihrer Verdauung diskutieren wollte. Nach Überwindung einiger Berührungsängste habe ich mich sehr mit jener Leckerei angefreundet.
Was ebenfalls kurios, aber wohlschmeckend ist, sind Kürbisschnitzel! Man nehme einen ebensolchen, schneide ihn in Scheiben und samt Panade brate diesen. Sehr lecker. Weiterhin gibt es eine Spezialität, zu berüchtigt dass sie einen Namen hat: Sahne, Butter und Zucker gehen zusammen eine unheilvolle Allianz ein. Als ich davon gekostet habe unterrichtete mich meine Vermieterin über diesen Umstand. Nachdem ich aus meiner Ohnmacht erwachte, schwor ich mir von nun an von solchem Zeug fern zu bleiben.
Nach diesem kurzen Ausflug in die Gastronomie darf ich den an Solchem uninteressierten Leser um Verzeihung und um Verständnis bitten. ich melde mich in Bälde wieder!
Was allerdings stimmt ist dass man sich von viel von Deutschland Selbstverständlichkeiten lösen muss. Die Dumpingpreise, die dem Deutschen stetigen Zugang zu Fleisch und damit zu hohem Cholesterinspiegel, Gicht und anderen Entlastungen der Rentenkassen gewähren, gibt es hier nicht. Fleisch ist teuer. Deswegen isst man wenig davon.
Was weiterhin stimmt ist, das man zu jeder Tag- und Nachtzeit, bei jeder Gelegenheit und überall Tee trinkt. Zum Frühstück, zum Mittagessen, zum Abendbrot, beim Mitternachtsimbiss, vor, nach und während Feierlichkeiten, beim Fernsehschauen und beim Begräbnis von Babuschka Valentinowna.
Kommen wir nun aber zu den tatsächlichen Kuriositäten, die einem Mitteleuropäer das befriedigende Gefühl vermitteln an der Spitze kulinarischen Zivilisationsfortschrittes zu stehen: ( wenn man den Bayer ausklammert, der im betrunkenen Zustand schlafend im Spanferkel versinkt oder den Hanseaten, der mit der Erfindung des Labskauses für die Abfallentsorgung eine delikate Lösung fand oder auch den Schweden zu dessen Delikatessen verfaulter Hering gehören) So habe ich mich durchaus gewundert als mir meine Vermieterin das erste mal Halva vorsetzte. Das ist Sonnenblumenkernmus mit Honig, sieht aber aus wie Erde oder Ähnliches, sodass ich mich wunderte, ob sie mit mir entweder die geologischen Bedingungen des Umlandes oder die medizinischen Bedingungen ihrer Verdauung diskutieren wollte. Nach Überwindung einiger Berührungsängste habe ich mich sehr mit jener Leckerei angefreundet.
Was ebenfalls kurios, aber wohlschmeckend ist, sind Kürbisschnitzel! Man nehme einen ebensolchen, schneide ihn in Scheiben und samt Panade brate diesen. Sehr lecker. Weiterhin gibt es eine Spezialität, zu berüchtigt dass sie einen Namen hat: Sahne, Butter und Zucker gehen zusammen eine unheilvolle Allianz ein. Als ich davon gekostet habe unterrichtete mich meine Vermieterin über diesen Umstand. Nachdem ich aus meiner Ohnmacht erwachte, schwor ich mir von nun an von solchem Zeug fern zu bleiben.
Nach diesem kurzen Ausflug in die Gastronomie darf ich den an Solchem uninteressierten Leser um Verzeihung und um Verständnis bitten. ich melde mich in Bälde wieder!
Dienstag, 20. September 2011
Apfelgarten
Charkiw ist hässlich. Sehr hässlich. So hässlich, dass man durchaus einiges an Anstrengung und/oder Sehfehlern benötigt um hübsche Ecken zu finden. Bürgersteige sind selten, den Stadtvätern scheint zwischen zwei Wodka dieser Zustand aufgefallen sein und von der nahenden EM in Alarmbereitschaft versetzt, säumen nun Schrottberge, Sandhügel und Löcher die Straßen. Nie war das promenieren auf den Trottoirs interessanter und nervenaufreibender. Das heißt allerdings nicht, dass sich die Straßen in einem besseren Zustand befinden! Oh nein. Was bei uns einen wütenden Mob Automobilisten vor das nächste Straßenverkehrsamt ziehen ließe, gilt hier als Straße in perfektem Zustand. Die Regel sind eher Schlaglöcher(denen man mit dem Namen Schlagcanyons oder Schlagschluchten eher gerecht werden würde) die ob der fehlenden Kanalisation voller Wasser sind. Gemeinsam mit dem Habitus ukrainischer Personenkraftwagen, keine Sicherheitsgurte zu besitzen, machen diese Charakteristika das Autofahren zu einer unvergesslichen Erfahrung.
Charkiw ist eine sowjetische Stadt. Sehr sowjetisch. Wahrscheinlich sowjetischer als Moskau und Petersburg zusammen, hatte man doch das Glück beim Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg von wenig verbliebener bourgeoiser Bausubstanz gestört zu werden. Dies mag dem Dauerbombardement durch die Wehrmacht geschuldet sein, bei dem mehr Munition verschossen wurde als im ganzen ersten Weltkrieg, aber ich bin mir noch nicht ganz sicher. Aber der entstandene Platz wurde sofort mit Denkmälern, protzigen Verwaltungsgebäuden im Stil des sozialistischen Realismus und Plattenbauwohnungen aufgefüllt. Natürlich darf auch die riesige Leninstatue nicht fehlen, die den großen Platz souverän überblickt.
Nun zu meiner Tätigkeit, denn ich hämmere ja nicht nur lustvoll Glossen über den Ostblock in die Tasten, weil ich ein arroganter kapitalismusverwöhnter Wohlstandsbengel bin, sondern ich volontoriere hier. Heute beispielsweise habe ich in einem Garten einer Babuschka gearbeitet -Der geneigte Leser wird sich denken, dass nun der Bogen zum Titel geschlagen wird- und dort Äpfel geerntet. Es macht unglaublich Spaß durch einen Garten, der so undurchdringlich ist wie der Regenwald es einmal gewesen sein muss ( bevor der Brasilianer auf den Trichter gekommen ist, dass der Europäer Klobrillen aus Mahagoni kauft) und aus dem ich mit Eimer und Kisten Äpfel um Äpfel heraushole, eine sehr meditative Tätigkeit.
Hier sehen wir das Haus in dem ich wohne. Suchbild: Wer findet mich, aus dem Fenster winkend?
Charkiw ist eine sowjetische Stadt. Sehr sowjetisch. Wahrscheinlich sowjetischer als Moskau und Petersburg zusammen, hatte man doch das Glück beim Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg von wenig verbliebener bourgeoiser Bausubstanz gestört zu werden. Dies mag dem Dauerbombardement durch die Wehrmacht geschuldet sein, bei dem mehr Munition verschossen wurde als im ganzen ersten Weltkrieg, aber ich bin mir noch nicht ganz sicher. Aber der entstandene Platz wurde sofort mit Denkmälern, protzigen Verwaltungsgebäuden im Stil des sozialistischen Realismus und Plattenbauwohnungen aufgefüllt. Natürlich darf auch die riesige Leninstatue nicht fehlen, die den großen Platz souverän überblickt.
Nun zu meiner Tätigkeit, denn ich hämmere ja nicht nur lustvoll Glossen über den Ostblock in die Tasten, weil ich ein arroganter kapitalismusverwöhnter Wohlstandsbengel bin, sondern ich volontoriere hier. Heute beispielsweise habe ich in einem Garten einer Babuschka gearbeitet -Der geneigte Leser wird sich denken, dass nun der Bogen zum Titel geschlagen wird- und dort Äpfel geerntet. Es macht unglaublich Spaß durch einen Garten, der so undurchdringlich ist wie der Regenwald es einmal gewesen sein muss ( bevor der Brasilianer auf den Trichter gekommen ist, dass der Europäer Klobrillen aus Mahagoni kauft) und aus dem ich mit Eimer und Kisten Äpfel um Äpfel heraushole, eine sehr meditative Tätigkeit.
Hier sehen wir das Haus in dem ich wohne. Suchbild: Wer findet mich, aus dem Fenster winkend?
Ich werde mich bald wieder melden. Auf wiedersehen, Bis bald, Ich vermisse wohl die meisten der geneigten Leser
Freitag, 16. September 2011
Prägendes
Schon jetzt habe ich viel erlebt, viel, was ich in Deutschland nie erleben würde, Eindrücke, Begegnungen, Alles. Um kurz zu rekapitulieren: Ich bin vorgestern gekommen, heute schon ist sehr viel Neues geschehen, viel zu viel um es in meiner gewohnt weitschweifenden Weise auszuführen. Ich werde Schlaglichter auswählen.
Der Zustand der Straßen, Busse, Trams, Metros, Autos und Häuser. Riesige Seen stauen sich in Schlaglöchern und laufen wegen der fehlenden Kanalisation nicht ab.
-
Die wundervoll herzliche Art der Menschen, meine Kolleginnen Tanja, Natascha und Jula und meine Vermieterin Viktoria Alexeijewna, die mich sofort als Enkel adoptierte, was sehr rührend wäre, wenn sie nicht -resolut wie eine KGB-Agentin- mich morgens kämmt wenn ich Selbiges verabsäumt habe.
-
Meine 94-jährige Russischlehrerin, die in Deutschland die Jahre Zwangsarbeit geleistet und nach Ravensbrück gekommen ist und die sich dennoch in die deutsche Sprache verliebt hat und als Deutschlehrerin gearbeitet hat – Darüber hinaus spricht sie Englisch, Russisch, Ukrainisch, Jugoslawisch und Kroatisch. Wie ich heute erfuhr lebte sie mit ihrem Mann 4 Jahre lang in Kuwait. Man darf getrost zu der umfangreichen Liste auch noch Arabisch gesellen. Da fällt es nicht ins Gewicht, dass sich manchmal Sprachen mischen.
-
Eine nette alte Frau, die sich unglaublich über den „Njemjezki Maltschik“(deutschen Jungen) freute und an deren Unterarm ich -als man den Blutdruck maß- eine eintätowierte Nummer bemerkte. Man warf mir bisher nie mein Deutschsein vor. Ich hoffe das bleibt.
-
Ich melde mich bald wieder! Eins noch: Meine Sprachkenntnisse wachsen wie der hellenische Schuldenberg. Ich hätte nicht gedacht so flott sprechen zu können. Bis bald! Morgen werde ich ein wenig visuell tätig werden und meine Stadt photographieren. Schreibt mir!
Abonnieren
Posts (Atom)
